#24 Patagonien -Nationalpark Los Glaciares

Durch scheinbar endlose Pampa machen wir uns auf zum Nationalpark Los Glaciares, um El Chaltén und den Perito-Moreno-Gletscher zu erkunden.

ARGENTINIEN

31.12.2025

12/31/20258 min read

Die argentinische Seite Patagoniens

Die entscheidenden 75 Quadratzentimeter

Wir wollen weiter ins argentinische El Calafate, das in 65 Kilometer Entfernung liegt - Luftlinie. Für uns heißt es nun 365 Kilometer auf Schotterpisten und Asphaltstraßen zurückzulegen und dabei die Grenze von Chile nach Argentinien zu passieren. Eine kürzere Fahrtstrecke gibt es nicht.

Und Grenzübertritte sind oft eine besondere Situation, wie wir vor zehn Jahren von Namibia nach Botswana und von dort nach Zimbabwe erlebt haben. (Siehe: https://discover-parts-of-the-world.jimdofree.com/aktuelles/botswana-simbabwe-und-victoriafalls/ )

Unser Vermieter hat bei der Fahrzeugübergabe betont, dass wir insgesamt vier Stempel auf dem Formular für das Auto benötigen. Jeweils bei der Ausreise und Einreise von beiden Staaten je einen.

Sowohl in Chile als auch Argentinien darf man eigentlich keinen Benzinkanister im Fahrzeug mitführen, außer man hat einen Pickups und hat den Kanister auf der offenen Ladefläche. Doch keiner kümmert sich darum, denn wer will schon auf offener Strecke liegen bleiben, nur weil an einer der raren Tankstellen gerade kein Sprit zu haben ist. Um Stress diesbzgl. mit dem Zoll zu vermeiden, fülle ich fünfzig Meter vor der Grenze das Benzin in den Fahrzeugtank.

Am chilenischen Grenzhäuschen stellen wir uns erst in die Schlange für die Ausreise und erhalten jeder einen Stempel in unseren Reisepass. Dann zum übernächsten Schalter, wo ein Zollbeamter den ersten Stempel in das Autoformular setzt. Das wäre geschafft. Da wir kein Obst, Gemüse und Milchprodukte nach Argentinien einführen dürfen, stopfen wir zwei Bananen in uns hinein und das wenige Gemüse und Obst packen wir in eine Tüte, die wir dann am Zoll abgeben können.

Wie passieren den Schlagbaum und fahren sieben Kilometer bis wir die argentinische Zollstation erreichen. Auf chilenischer Seite ist die Straße asphaltiert und der Asphalt endet abrupt. Argentinien empfängt uns mit rustikaler Schotterpiste. Artig reihen wir uns in die Schlange am Zoll ein. Als wir drankommen, teilt der Grenzbeamte uns mit, dass ein chilenisches Formular fehlt. Wir zeigen unsere Ausreisestempel und das Fahrzeugformular. Doch er ist nicht zufrieden zu stellen und schiebt uns die Unterlagen zurück. Ein junges Pärchen, dem ich an der chilenischen Grenze den Hinweis gab, dass sie sich in der falschen Schlange angestellt haben, revanchiert sich und zeigt uns den 15 mal 5 cm langen Schnipsel, den sie vom chilenischen Zoll bekommen haben. Wir fotografieren ihn ab und fahren sieben Kilometer zurück nach Chile, wo wir mit Hilfe von google translator unser Anliegen vortragen. Schließlich erhalten wir die 75 Quadratzentimeter Zellulose und fahren die sieben Kilometer zurück Richtung Argentinien, wo wir problemlos passieren dürfen. Nach verbotenen Lebensmitteln wurde an dieser Grenze nicht kontrolliert, Hauptsache, du kannst alle Papier einschließlich der 75 Quadratzentimeter vorlegen.

Pampa, Pampa und weiterhin Pampa

Kurze Zeit später biegen wir auf die Ruta 40 ein. Sie ist mit 5301 km die längste Nationalstraße in Argentinien und verbindet den Norden mit dem Süden.

„Das liegt ja mitten in der Pampa“ pflegte ich bisher auch zu etwas abgelegenen Orten zuhause zu sagen. Doch nun werde ich eines besseren gelehrt, denn hier erfahre ich, was Pampas wirklich heißt: Endlose karge Steppe begleitet uns die nächsten zweihundert Kilometer und sie geht noch viel weiter, bloß wir biegen in Richtung Berge ab. Die Straße wird links und rechts von den Zäunen der riesigen Haciendas begleitet. Bäume gibt es nicht. Teils gibt es nur Grasbüschel, teils maximal hüfthohe Büsche. Weite so weit das Auge schaut. Weite und Leere, die irgendwie faszinieren. Hügel sind im wahrsten Sinne des Wortes ein Highlight.

Vor El Calafate leuchtet plötzlich der türkisfarbene Lago Argentino in dieser beige-grauen Landschaft. Dreimal so groß wie der Bodensee ist er der größte See in Argentinien und ist bis 500 m tief. Eine Nacht sind wir in dem Ort El Calafate, das von seinen Häusern und den großen Pinien ein wenig wie ein nordamerikanisches Bergstädtchen wirkt, nur zwei Nummern kleiner. Entsprechend ausgebaut ist auch das kulinarische Angebot. Wir teilen uns in einem Restaurant eine Pizza. Tomatensauce habe diese Pizza aber nicht, teilt uns der nette Kellner mit. Auf diese Art mutiert die Pizza zum Flammkuchen. 

Das Bergdorf El Chaltén

Weiter zieht es uns in das 200 km entfernte El Chaltén, dessen Gründung 1985 von der argentinischen Regierung forciert wurde, um seinen Anspruch auf dieses Gebiet zu zementieren. Chile und Argentinien sind sich uneinig über die Grenze in dieser Gegend. Tourismus macht 90 % der Wirtschaftsleistung dieses 3.000 Seelendorf aus. El Chaltén ist für Trekking und Bergsteigen berühmt. Der Fitz Roy überragt mit 3.400 m den Ort. Sowohl die Flagge der Provinz Santa Cruz als auch das Firmenemblem des Outdoorausrüsters „Patagonia“ ziert dessen Bergprofil.

Ein Ranger im Informationszentrum des Nationalparks nimmt sich viel Zeit und empfiehlt uns ein paar Wanderungen. Als ich 1987 für meine Reise nach Nepal und Indien einen Trekkingrucksack benötigte, erwarb ich einen, der nach einem berühmten Andenberg, der lange Zeit als unbesteigbar galt, benannt wurde: dem Cerro Torre. Dieser markante Felsen liegt südwestlich vom Fitz Roy und gilt unter Bergsteigern als einer der schönsten und schwierigsten Berge der Welt. Auf der steilen Granitfnadel liegt oben ein Raureifeis-Feld. Strittig war lange Zeit die Erstbesteigung, da teils Beweisfotos fehlten und auch diskutiert wurde, ob als Gipfel das Ende des Granitfels oder die Eishaube gelte. Meist ist der Gipfel in Wolken gehüllt, doch heute ist das Glück mit uns, denn er strahlt ohne Wolkenhaube. Vom Ort kann man nur die Spitze sehen, daher wandern wir zu einem Aussichtspunkt, von dem man den ganzen Berg sieht.  Erst flach, am Schluss steil und über kleine Felsstufen kletternd erreichen wir den Mirador. Wir sind vom Wanderweg und vom Anblick fasziniert.

Wir entdecken ein nettes Café, das leckere Zimtschnecken anbietet. In der Sonne genießen wir diese mit Blick auf die Berge. Wir kannten das Dorf von Fotos und hatten den Eindruck, dass es in einem breiten unspektakulären Tal liegt. Bei aller Einfachheit mit meist staubigen Schotterwegen sind wir positiv überrascht und genießen den Anblick der Umgebung.

Zwei junge Männer haben im ersten Stock ihres Hauses eine kleine Bäckerei gegründet. Leckere Empanadas, Kürbistörtchen und 1a Croissants offerieren sie.

Nach drei Tagen in El Chaltén brechen wir zum Perito-Moreno auf, einem Auslassgletscher des südlichen patagonischen Eisfeldes, dem größten Gletschergebiets Südamerikas. Per Katamaran nähern wir uns der 40 m bis 70 m hohe Eisfront. Im Gletscher donnert es immer mal wieder wie laute Schüsse und mal klingt es wie Gewitter im Inneren des Eisfeldes. Das ist beeindruckend und signalisiert uns, welche immensen Spannungen im Gletscher existieren. Vereinzelte kleine Abbrüche in den See erleben wir. Kleine Eisberge treiben im See. Irreale, tiefblaue Eishöhlen und Spalten sehen wir. Lange Jahre zählte der Perito Moreno zu den wenigen wachsenden Gletschern der Welt, doch auf einer Schautafel erfahren wir, dass er seit 2020 rapide schrumpft. Der nördlich gelegene Upsala-Gletscher hat von 1986 bis 2020 ein Viertel seiner Größe eingebüsst.

Nun neigt sich unsere Patagonienreise dem Ende. Wir fahren die Strecken zurück und resümieren die Zeit für uns. Patagonien mit seinen vier Jahreszeiten an einem Tag haben wir erlebt (allerdings ohne Schnee nur Schneeregen). Trotz (oder auch wegen) des rustikalen Wetters mit seiner Spanne von kräftigen Stürmen, Regen, Wolken, Kühle bis hin zu frühlingshaften Temperaturen mit Sonnenschein sind wir von Patagonien mit seinen Gletschern, Bergen, endloser Weite begeistert. Das Preis-Leistungsverhältnis der Unterkünfte und der Speisen lässt uns manchmal zucken, aber die Regeln der Marktwirtschaft mit wenig Angebot und viel Nachfrage werden hier deutlich erfahrbar. Durch unseren Mietwagen waren wir unabhängig von Bussen oder Touranbietern und hatten viele Freiheiten.

Patagonien würden wir ohne zu zweifeln nochmal besuchen.

Mit Gregor Gysi durch die argentinische Pampa

Da Straßen rar in Patagonien gesät sind, fehlt es oft an Alternativrouten. Also nehmen wir die gleichen Straßen wie auf der Hinfahrt. Akustisch begleiten uns Gregor Gysi und Karl Theodor zu Guttenberg mit ihrem Jahresrückblick 2025 sowie Peter Urban und Ocke Bandixen mit ihrem Podcast zu Steve Winwood. Zwischendrin stoppen wir um Fotos von blühenden Feldern und der Bergen zu machen. Der Wind zeigt wiedermal, wer hier vor Ort das sagen hat. Wer von uns beiden auf der Luv-Seite sitzt, hat sich kräftig in die Tür zu stemmen, um sie zu öffnen. Beim Tanken wirbelt der Wind soviel Staub und Sand auf, dass ich gesandstrahlt werde. Peeling kann man das nicht mehr nennen. Der Grenzübertritt ist unproblematisch und wir erreichen Puerto Natales, ehe wir am nächsten Tag weiter nach Punta Arenas düsen. Bevor wir den Wagen zurückgeben, fahren wir bei Fabian, unserem ersten Gastgeber in Punta Arenas, vorbei, um den Benzinkanister, den er uns geliehen hat, zurückzubringen. Er freut sich, dass wir vorbeikommen und fragt nach unserem Trip. Den Wasserkocher, den wir für den Trip gekauft hatten, überlassen wir ihm. Vielen Dank, Fabian, du hast uns das Ankommen in Chile so leicht gemacht.

Da sein Hostel in der nächsten Nacht ausgebucht ist, übernachteten wir in einem anderen, das auch einen tollen Blick über die Stadt und die Magellanstraße bietet.