#25 Valparaiso

Weihnachten verbringen wir in einer wunderschönen Unterkunft in Valparaiso, Wir blicken über Hafen und Bucht, durchstreifen die Viertel mit ihrer unglaublichen Streetart.

CHILE

06.01.2026

1/5/20268 min read

Valparaíso - du, Braut des Ozeans

"Dir erkläre ich meine Liebe Valparaíso.  Alles was du umschließt, alles was du ausstrahlst, Braut des Ozeans. Wenn wir alle Treppen Valparaísos begangen haben, sind wir um die Welt gereist“, schrieb der Literaturnobelpreisträger von 1971 Pablo Neruda. Er, der Dichter, Schriftsteller und Diplomat war, nannte sich selbst „Vagabund von Valparaíso“.

Wir waren gespannt, wie es uns nach der Ruhe Patagoniens in der rauhen, lauten, wusseligen und nicht als sicher geltenden Hafenstadt Chiles ergehen wird. Wie sicher ist es und wie frei kann man sich bewegen, fragten wir uns, da uns auch diesbzgl. kritische Töne zu Ohr gekommen sind.

Pünktlich landete unser Flieger aus Punta Arenas in Santiago de Chile. Per Uber ging es zum Busbahnhof und dann mit dem Bus in eineinhalb Stunden nach Valparaíso oder wie die Einheimischen es liebevoll in Kurzform nennen „Valpo“. Wieder per Uber zu unserer Unterkunft, die auf einem der zahlreichen Hügel liegt. Carolina nimmt uns herzlich in Empfang. Sie zeigt uns unseren Bungalow, das Haupthaus mit Küche und Terrassen. Von überall hat meinen einen schönen Blick über Bucht und ihren schönen Garten. Was für eine Oase. Sie sagt nicht, „fühlt euch wie zuhause“, sondern „das ist euer Zuhause.“ Wie sollte man sich da nicht schnell heimisch fühlen. Wobei wir zuhause unser Frühstück immer selber machen, hier werden wir verwöhnt.

Auf der Karte zeigt sie uns die sicheren Viertel und empfiehlt uns einen Stadtrundgang als Einstieg am nächsten Tag. Abends sitzen wir auf der Terrasse und blicken über die Bucht und die Hügel Valpos. In der Bucht liegt die Valparaiso Express von Hapag-LLoyd vor Anker. Sie hat den gleichen Heimathafen wie wir. Ein kleiner Gruß aus der Heimat?

Am nächsten Vormittag brechen wir zum Plaza Sotomayor auf und treffen Krisna. Sie führt uns zunächst durch die Geschichte Valparaísos und dann marschieren wir mit ihr und zwei indischen Ehepaaren aus Madras los. Wir besuchen als erstes eine naheliegende Kunstgalerie im ersten Stock eines Gebäudes. Verschiedene Künstler haben hier ausgestellt und es gibt ein nettes Café.

Bevor wir das Gebäude über eine Treppe auf der Rückseite verlassen, weist uns Krisna darauf hin,  dass wir nun einen Bereich von Valpo begehen, bei dem wir auf unsere Wertsachen aufpassen mögen. So durchstreifen wir das Viertel, dass nah am Hafen liegt und eines der ältesten der Stadt ist. Wir passieren einen Platz, wo die Polizei vergitterte PKWs fährt und gerade eine Personenkontrolle durchführt. Mir fällt spontan der Hansaplatz in Hamburg als Pendant ein. Krisna führt uns auf das Dach eines Gebäudes, dass bei einem der zahlreichen Erdbeben gelitten hat und langfristig renoviert werden soll und zeigt uns die Stadt von dort. Ein ungewöhnlicher Rundblick auf die Stadt, deren Altstadt zum Weltkulturerbe gehört. Die verschiedenen Kolonialbauten dieser Hafenstadt entstanden durch die Menschen unterschiedlicher Nationen, die sich hier niederließen und Häuser in ihrem heimatlichen Baustil bauten.

Früher wurden Container auseinander genommen und dessen Metallblech bei vielen Häusern als Fassade verwandt, die dann oft bunt angemalt wurden. Vom Dach sehen wir einige durch Feuer zerstörte Gebäude. Feuer seien insbesondere im Sommer keine Seltenheit, erklärt Krisna. Im Februar 2024 gab es Waldbrände auf den Hügeln hinter der Stadt, die bedingt durch Hitze und Wind rasant in einige Stadtteile vordrangen. Über 100 Menschen starben und mehr als 14.000 Gebäude wurden zerstört.

Valpo besteht aus vielen Hügeln, den sogenannten Cerros. Es sollen 42 sein, doch wir lesen auch, dass es zwischen 36 und 50 sein sollen. Die Definition von Cerro scheint dehnbar zu sein. Berühmt ist Valpo für seine Standseilbahnen, den sogenannten Ascensores, die den Aufstieg erleichtern. Zwischen 1883 und 1931 wurden 30 gebaut, 16 existieren noch und 9 von diesen sind noch in Betrieb. Die steilste hat eine Steigung von 70%. Früher wurden auch viele Waren mit diesen auf die Hügel befördert. Nun führt uns Krisna per Ascensor auf den Cerro Concepción. Hier treffen wir auf viel Streetart. Valpo ist inzwischen berühmt für diese.

Viele Wandmalereien haben politische Botschaften oder Hintergründe. Schon in den 1960er Jahren entstanden die ersten Wandbilder im Wahlkampf von Allende, in Anlehnung an den mexikanischen Muralismo. Später wurde es auch eine Form des Widerstands im öffentlichen Raums gegen die Militärdiktatur unter General Pinochet. Im Laufe der Zeit zog die Kunst viele Touristen an und seit 1990 ist Streetart nicht mehr verboten, sondern wird von der Stadtverwaltung sogar gefördert. Auslöser war die von einer Stiftung gegründeten Kunstausstellung „El Museo a cielo abierto“ (Museum des offenen Himmels) im Stadtteil Bellavista. Dieses forcierte die Entwicklung der Kunst und zog namhafte Künstler an. Ganze Häuserfronten und sogar Treppen wurden bunt und kreativ gestaltet. Valparaíso ist eine riesige Open-air-Kunstgalerie.

Valparaíso hat eine bewegte Geschichte. Im 19. Jahrhundert war Valparaíso jahrzehntelang der größte Hafen im gesamten Pazifik. Es war der erste große Hafen nach Cap Hoorn, wenn man vom Atlantik kam, bzw. der letzte im Pazifik bevor die Schiffe Cap Hoorn in Ostrichtung umschifften. Doch mit der Eröffnung des Panamakanals im Jahre 1920 begann der schnelle Niedergang des Hafens. Inzwischen ist er nicht mal mehr der größte Hafen in Chile.

Krisna führt uns weiter zum Cerro Alegre Mit der Standseilbahn El Peral geht es wieder zum zentralen Platz hinunter, wo sich Krisna von uns verabschiedet. Die Tour mit ihr hat sich gelohnt und uns die Stadt nahe gebracht.

Streetart - Walk

Es ist 15.30 am Heiligabend. Die Restaurants haben geschlossen und wir düsen schnell zu einem der wenigen noch offenen Supermärkten und kaufen für ein einfaches Essen ein. Ein elegantes Weihnachtsmenü wird es nicht werden. Wir kochen in der großzügigen Küche und setzen uns anschließend auf die Terrasse. Wir beobachten den sanften Übergang vom Abend in die Nacht mit seinen Farbspielen. Die Atmosphäre ist magisch. In einem Nachbarhaus werden lateinamerikanische Weihnachtslieder gespielt. Lange sitzen wir draußen, schlürfen ein wenig Rotwein und saugen diesen besonderen Moment in uns auf.

Am ersten Weihnachtstag wollen wir u.a. ein Migrationsmuseum besuchen, doch es hat geschlossen. Auch alles Ascensores fahren heute nicht und so steigen wir viele Treppen auf und ab, um weiter Gassen und Wandmalereien zu entdecken. An fast jeder Ecke springt einem etwas Neues ins Auge, selbst wenn man am Tag vorher bereits hier entlang gegangen ist. Das macht unter anderem die Stadt so besonders.

Zum Sonnenuntergang brechen wir zu den Dünen von Concón, die am gegenüberliegenden Ufer der Bucht liegen, auf. Diesen Tipp hatten wir von unseren Bonner Freunden Claudia und Matthias, die uns gleichzeitig die Aufgabe stellten ein Foto von ihnen dort nachzustellen und ihnen zuzusenden. Welche Mühsal man nicht für seine Freunde so auf sich nimmt.

Auf dem Weg dorthin durchqueren wir Viña del Mar, den touristischen Hauptort Chiles. Weiße, eng beieinander stehende Hochhäuser, Boutiquen, Restaurants en masse, ein schmaler Strandstreifen und sehr viele Touristen. Edel, doch für uns abschreckend. Eine künstlich hochgezogene Stadt, sterile Straßen und kein innewohnender, gewachsener Spirit ist spürbar. Welch Glück wir mit unserer Unterkunft haben. Ruth formuliert es positiv und pragmatisch. „Wie gut, dass so viele Menschen diese Form des Urlaubs lieben. Dadurch ist dort nicht so voll, wo wir gerne sind.

Gegensätzlicher können die zwei direkt aneinandergrenzenden Städte kaum sein: Das weiße, schnell hochgezogene Viña del Mar und das bunt-kreativ über Jahrhunderte die Hügel emporgeklommene Valparaíso.

Ein paar Kilometer weiter erreichen wir Concón. Hochhaussiedlungen rahmen die Dünen links und rechts ein. Ein eigentümlicher Widerspruch und Anblick. Wir erklimmen eine und setzen uns wie diverse andere Menschen auf den Dünenkamm und genießen den Blick zum Sonnenuntergang. Ein frischer Wind sorgt dafür, dass wir nicht länger verweilen.

Auf der Rückfahrt lässt unser junger Fahrer Musik aus den 80er und 90er Jahren laufen. Als Foreigners „I Want to Know What Love Is“ läuft, teile ich ihm mit, dass diese Musik aus der Zeit ist, wo wir jung waren. Ihm gefalle die Musik aus dieser Zeit sehr, erwidert er. Schon in Australien, aber auch zum wiederholten Male in Chile und Argentinien hören wir die Musik aus dieser Ära. Ist das ein Ausdruck davon, dass sich die Menschen nach der guten, alten Zeit sehnen?

Am nächsten Tag nehmen wir einen lokalen Bus und dringen in das Gewusel der Innenstadt vor, um zur Zentralpost zu gehen. Eine Angestellte von Carolina wies uns nochmals daraufhin vorsichtig, aber nicht ängstlich zu sein. Wir erleben die Innenstadt als wuselig, nicht touristisch und zugleich als unbedrohlich. Anschließend nehmen wir den Ascensor Espíritu Santo und durchstreifen den nächsten Hügel - Cerro Bellavista. Ein ruhigerer, bunter Stadtteil, der ebenfalls reichlich Kunst an seinen Mauern vorhält. Beachtlich sind die gefliesten Laternenpfähle. Man meint Herr Hundertwasser hätte sich hier ausgetobt.

Weiter geht es heimwärts durch den noch bunteren Cerro Alegre, der unterhalb unserer Unterkunft liegt. Viele Blumen ergänzen die bunte Kunst und weiterhin können wir uns nicht sattsehen an dieser grandiosen Galerie.

Abends dürfen wir noch den Blick auf ein Feuerwerk in der Bucht genießen. Von Carolina erfahren wir, dass es die kleine Generalprobe für das Silvesterfeuerwerk in Valparaíso ist, dem größten in Chile.

Ja, und nun können wir die Worte von Pablo Neruda „Dir erkläre ich meine Liebe, Valparaíso. Alles was du umschließt, alles was du ausstrahlst, Braut des Ozeans“ nachvollziehen.

Die Stadt hat uns eingefangen. Es gibt noch einiges für uns zu entdecken und wir planen Ende Februar wiederzukommen. Unsere schöne, ruhige, familiäre Unterkunft mit dem Blick über Bucht und Stadt hat einen wesentlichen Anteil daran. Carolina und ihr Team sind grandios. Wohlfühlen fällt und steht fast immer mit den Gastgebern.