#28 Oh wie schön ist Purmamarca (und auch Salta)

Auf 4.400 m Höhe passieren wir die chilenisch-argentinische Grenze und erreichen das kleine Andendorf Purmamarca.

ARGENTINIEN

23.01.2026

1/23/20268 min read

Oh wie schön ist Purmamarca

Um 7.00 Uhr morgens stehen wir am Busbahnhof von San Pedro de Atacama. Mit Vivien und ihrem Freund, die mit sehr überschaubaren Gepäck reisen, kommen wir ins Gespräch. Er arbeitet als stellvertretender Betriebsleiter in einem namhaften Biosupermarkt. Dieser ermöglicht seinen Mitarbeitenden, dass sie jährlich zu dem Jahresurlaub einen Monat unbezahlten Urlaub nehmen können. Vivien hat in einer Unternehmensberatung des IT-Bereichs mehrere Jahre gearbeitet. Vor kurzem hat sie gekündigt und will sich beruflich neu orientieren. Nun reisen sie zwei Monate von Chile über Argentinien nach Brasilien. Unser Sabbaticalmodell interessiert sie und als sie erfahren, dass ich in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeite, meinen sie, dass dort ja die behinderten Menschen so schlecht bezahlt würden. Ja, und so komme ich zu dem Vergnügen in der vorletzten Reihe eines argentinischen Überlandbusses in 4.000 m Höhe Coca-Bonbon lutschend das System der Werkstätten, der Finanzierung des Lebensunterhalts von Menschen mit Assistenzbedarf sowie die Arbeitsoptionen vor dem Hintergrund des Wunsch- und Wahlrechts zu erklären. Das hätten sie alles nicht gewusst, wie gut diese Information nun zu haben. Das ändere ihre Sichtweise, erwähnen sie. Würden sie nicht in Berlin wohnen, hätte ich ihm eine Kooperation mit seinem Betrieb vorgeschlagen. Auf jeden Fall eine nette Begegnung mit zwei weltoffen interessierten Menschen.

Passkontrolle auf dem Jama Pass

Wir erreichen auf 4.400 m Höhe die Grenze. Mit unseren Tagesrucksäcken gehen wir erst zur chilenischen und dann zur argentinischen Grenzkontrolle. Parallel wird das gesamte Hauptgepäck vom Buspersonal ausgeladen und auf dem Asphalt wild aufgehäuft. Wir mutmaßen, dass vielleicht ein Hund nach bestimmten Stoffen suchen soll. Doch wir werden schnell eines Besseren belehrt. Die argentinischen Zöllner fordern uns auf, unsere Hauptgepäck zu holen und ebenso wie unsere Tagesrucksäcke zu einem Röntgengerät zu schleppen. Toll, in dieser dünnen Höhenluft sich jetzt noch körperlich austoben, denke ich. Als wir wieder im Bus sitzen, stellen wir fest, dass die Baumwolltasche, die wir im Fussraum an unserem Platz liegen gelassen haben, mit unserem Essen und dem Wasser verschwunden ist. Das hat noch gefehlt, dass jemand uns das Essen entwendet. Ich verlasse den Bus und frage den Busfahrer. Dieser weiß nichts. Und dann sehe ich an der Stelle, an der die ganzen Koffer und Rucksäcke lagen, einen einzelnen einsamen Baumwollbeutel. Der Zoll ist offensichtlich akribisch und kontrolliert alles. Also gehe ich mit der Tasche zum Röntgengerät. Weiter geht es über weitere Pässe und durch die Salzpfanne der Salina Grandes.

Nach sieben Stunden Fahrt erreichen wir Purmamarca, ein kleines Andendorf auf 2.200 m Höhe, das in einem engen Tal mit verschieden färbenden Felsen eingebettet ist. Die zentralen Straßen im Dorf sind nicht asphaltiert und für den Autoverkehr gesperrt. In den Gassen und auf dem Hauptplatz befinden sich viele Verkaufsstände mit bunten Taschen, Töpferwaren, Schals und Decken im Inka-Stil. Die Atmosphäre sagt uns mit ihrer hübschen Häusern und der Entspanntheit sehr zu. Auch treffen wir jeden Tag auf musizierende Einheimische aller Altersgruppen und ihre Mitbürger würdigen und wertschätzen deren Darbietungen. 

Unsere Unterkunft können wir nicht mit Kreditkarte sondern nur bar bezahlen. Da der Geldumtausch in Banken teuer ist, fragen wir uns durch und finden einen Laden, der Souvenirs verkauft und auch Geld wechselt. Der junge Mann bietet einen Umtauschsatz, der niedriger als der offizielle ist, doch nach einer kurzen Verhandlungsrunde einigen wir uns. Kulinarisch entdecken wir ein Café mit leckerem Käsekuchen und Cappuccino. Das hatten wir beides auch lange nicht mehr. Desweiteren werden in den Straßen an Holzkohlegrills Empanadas aus Mürbeteig, die mit Käse und Tomaten gefüllt sind, angeboten. Ein echter Leckerbissen. Das Dorf wird vom Berg „Cerro de los Siete Colores“ überragt: Der Berg der sieben Farben. Und wahrlich die Felsen strahlen hier in unterschiedlichen Farben. Wir umrunden am nächsten Tag in einer Stunde den Berg. Die Farben und Felsen faszinieren uns.

Fotoshooting in der Salzpfanne

Bei der Fahrt von Chile nach Purmamarca durchquerte der Bus die Salzpfanne der Salinas Grandes. Per Halbtagesausflug erkunden wir diese. In dieser Salzwüste wird nicht nur Salz abgebaut, sondern auch Fotoshootings angeboten. Durch die Weite und fehlender Kontraste entstehen eigentümliche Bilder. Man zahlt einen kleinen Obolus, um auf den abgesteckten Bereich der Salzpfanne zu dürfen und darf dann zu einer oder einem der zahlreichen Photographinnen und Photographen mit ihren hellgrünen Jacken gehen. Diese liegen wie Biathleten auf Holzpaletten, geben Anweisungen und schießen dann mit den Smartphones der Besucher die Fotos. Nach einer Stunde ist das Shooting vorbei und zügig geht es mit dem Minibus zurück nach Purmamarca. Im Video stellen wir das Photoshooting vor.

Wir genießen unseren dreitägigen Zwischenstopp im bunten, lebendigen und zugleich beschaulichen Purmamarca, bevor wir nun in das südlich liegende Salta weiterfahren. Purmamarca hat einfach viel Flair und unsere Herzen ein wenig ergattert.

Mit dem Überlandbus geht es zunächst ins 65 km südlich und 1.000 m tiefer gelegene San Salvador de Jujuy. Mit jeden Kilometer wird das Tal grüner und unsere Augen erfreuen sich an der satten und kräftigen Vegetation. In San Salvador de Jujuy wechseln wir in den nächsten Bus. Wir dürfen in der ersten Reihe des oberen Decks des Doppeldecker sitzen und erreichen zwei Stunden später die Universitätsstadt Salta mit gut einer halben Millionen Einwohnern.

„Salta - la Linda“ wird sie genannt.

Salta, die Schöne. Eine Stadt mit spanischer Kolonialarchitektur, netten Plätzen und für eine Großstadt wenig Hektik. Wir beziehen unser Appartement. Es ist relativ neu, funktional und etwas karg an den Wänden. Lediglich ein Fernseher und eine Klimaanlage bilden die Dekoration der weißen Wände. Ein kleiner Balkon erlaubt den Blick über die Stadt. Wir haben für sechs Tage gebucht. Mal wieder eine kleine Atempause auf unserem Trip. Es gilt unsere Reise durch Costa Rica und Nicaragua zu planen, die in einer Woche beginnt und gleichzeitig schon ein wenig in die neuseeländische Ferne zu blicken. Viel Zeit haben wir somit nicht mehr und sowohl bezahlbare Unterkünfte als auch ein Auto zu finden, stellt eine Herausforderung mit reichlich Recherche und Nerven dar. Vor allem als wir feststellen, dass der Januar im Gegensatz zum Februar an der Karibikküste gewöhnlich viel Regen hat, heißt es nochmal von vorne mit der Planung zu beginnen. Wie uns das durchgerutscht ist, wissen wir auch nicht. Eigentlich planen wir genau, doch wo gehobelt wird, fallen auch Späne und wir erzeugen reichlich Reise-späne/-pläne. Es bringt auch nichts, sich darüber aufzuregen. Einmal schütteln und neu die Reiseroute austüfteln.

Wir besichtigen den Platz des 9. Juli (genannt nach dem argentinischen Unabhängigkeitstag von 1816) und die Kathedrale mit ihrer rosa Front und der blau gefliesten Kuppel. Beachtlich - hier stehen Gläubige aller Altersstufen vor dem Beichtstuhl Schlange. Ein weiterer bekannter Sakralbau die Iglesia San Francisco erreichen wir fussläufig. Wir durchstreifen die Straßen mit ihren schönen Kolonialbauten und Bäumen. Das Grün der Stadt ist eine Wohltat für unsere Netzhäute. Zwischendrin gibt es halbfertige Neubauten, doch tut dieses dem netten Ambiente keinen großen Abbruch. Beachtlich ist, dass vor jeden Haus der Bürgersteig anders gepflastert ist. Scheinbar ist jeder Hausbesitzer für diesen verantwortlich.

Abends genießen wir auf dem Balkon zu sitzen; wir betrachten die Wolken, an zwei Abenden das Wetterleuchten in der Ferne und am vorletzten Abend ein Gewitter, das über Stunden im gesamten  Tal sich austobt. Die Laternen strahlen nicht in aggressiven, optimal ausleuchtenden, kalten Weißtönen sondern sondern ein warmes oranges Licht ab, wie wir es aus den mittelalterlich anmutenden Städtchen Italiens kennen und lieben. Sie erzeugen eine gemütlich, heimelige Atmosphäre. Auch entdecke ich viele ältere Fahrzeuge oft französischer Bauart, meist nicht in Hochglanz dafür mit reichlich Patina: Peugeot 504, R4, R9, R11, R12, 2CV. Ein wenig wirkt es, als ob wir durch unsere Kindheit wandeln.

Ich genieße meinen morgendlichen Gang zum Bäcker und in einem kleinen Café mir meinen Cappuccino zu holen. Als ich am vierten Morgen in Folge in dem Café erscheine, schaut mich der Barista an und meint „Cappuccino“ und ich antworte „Du weißt es“ und wir beide lächeln uns an.Am 

Wir erkunden die Innenstadt und besuchen die zentrale Markthalle. Weitere Stadtteile durchstreifen wir. Die Athmosphäre ist für eine Großstadt sehr entspannt. Die zentralen, grünen Plätze in den Stadtteilen sind Treffpunkte der Einheimischen. Salta wird von grünen Hügeln hufeisenförmig umrahmt. Auf einen von diesen, dem Cerro San Bernardo kann man per Seilbahn gelangen. Wir gönnen uns diese leicht schaukelige Fahrt auf den Cerro San Bernardo und genießen die Frische auf dem Berg und den Blick über die Stadt.

Unser Flug nach Costa Rica startet um 5.45 Uhr. Folglich heißt es gegen 3.00 Uhr am Flughafen einzutreffen. Daher wechseln wir für unsere letzte Nacht in Salta in eine Unterkunft nahe am Flughafen. Dort treffen wir Merit und Hannes aus Dresden, die nach ihrem Studiumabschluss vier Wochen Argentinien bereisen. Wir tauschen uns über unsere jeweiligen Reiserouten in Argentinien, Freizeitgestaltung, berufliche Zukunft und politische Entwicklungen insbesondere in den neuen Bundesländern aus. Diesem spannenden Austausch folgt eine sehr kurze Nacht.