#30 Die Nicoya Halbinsel - sunset unlimited

Per Fähre überqueren wir den Golf von Nicoya und erkunden die Surfstrände der Halbinsel.

COSTA RICA

07.02.2026

2/7/20269 min read

Die Nicoya Halbinsel - Every day sunset at the beach

Fährfahrt von Punta Arenas nach Paquera

Von Uvita fahren wir die Küstenstraße nach Norden zum Fährhafen Punta Arenas. Immer wieder schleichen wir im sonntäglichen Wochenendrückreiseverkehr mühsam die Küstenstraße entlang. Viele Familien lieben es das Wochenende am Meer zu verbringen; da unterscheiden sie sich nicht von den deutschen Städtern an einem Sommerwochenende. Mit der Fähre setzen wir in siebzig Minuten über den Golf von Nicoya zum kleinen Anleger von Paquera. Überraschend passieren wir einzelne Inseln, die weniger tropisch wirken und uns an Irland oder Norwegen erinnern. Die Fähre ist solide, eine Bugklappe scheint nicht erforderlich zu sein und von dem Kiosk laden hitzige Salsa- und Sambatöne zum rhythmischen Mitschwingen ein. Pura Vida!

Santa Teresa - das Surfmekka

Wir erreichen unser Surfhostel in Santa Teresa rechtzeitig vorm Sonnenuntergang, so dass wir diesen noch am Palmen gesäumten Strand genießen. Wir lieben die Stimmung und Temperaturen des Sunsets. Viele Familien chillen am Strand, Surfer zeigen ihr Künste in den Wellen, die Sonne brennt nicht mehr und das Licht wandelt sich langsam von leuchtend hellem Blau in einen orange glühenden Himmel, bevor die Nacht das Kommando übernimmt.

Viele Surfer wohnen in unserem Hostel. Die zwei Inhaber sind US-Amerikanische Boys, die älter als wir sind. Beim Anblick von ihnen und einigen weiteren gleich alten Surfern haben wir den Eindruck, sie seien zeitgleich mit den Beach Boys aufgewachsen. Nur haben sie inzwischen deren Song „Surfin’ U.S.A.“ in „Surfin Costa Rica“ umgewandelt. Morgens, wenn wir frühstücken, kommen einzelne der bejahrten Herren barfuß mit Surfboard unterm Arm von ihrem Wellenritt zurück. Ihre Körper sind kernig und sehnig. Bauchspeck haben sie nie angelegt, lediglich ihre Haare inzwischen abgelegt.

Den zwanzig Kilometer östlich liegenden Wasserfall beim Ort Montezuma erkunden wir. Ein kletternder Aufstieg erwartet uns, teils durch den Wald über Baumwurzeln und teils durch den Fluss und über rutschige Steine. Schweißgebadet erreichen wir den Wasserfall und genießen es uns in dem kühlen Pool am Wasserfall zu regenerieren. Ein wenig besorgt, sehen wir wie ein Einheimischer den hohen Wasserfall hinabklettert und aus ca. 15 Meter Höhe hinabspringt. Uns reicht die schwimmende Abkühlung. Nicht jeder Thrill reizt uns. Irgendwann ist man in dem Alter, in dem man nicht mehr meint, alles ausprobieren zu müssen.

Wir erkunden Montezuma - ein kleines ein wenig verschlafen wirkendes Hippie- und Fischerdörfchen an einem sehr schönen Palmenstrand. Ein ganz anderer Vibe als an den Surferstränden, da wir nur auf sehr wenige Personen am Strand treffen. Wir sehen ein Dutzend junger Menschen Sand in Säcke schaufeln und zu einem bestimmten Bereich am Strand zu tragen. Wir erfahren, dass sie Freiwillige in einem Schildkrötenschutzprojekt sind. Die abgelegten Eier werden von ihnen nach der Eiablage vorsichtig in einen geschützten Bereich umgelagert. Wenn die Schildkröten dann nach ca. 50 Tagen schlüpfen, sichern die Freiwillige deren Weg zum Meer, damit nicht Vögel oder andere Tiere die Schildkröten verspeisen. Nebenbei erfahren wir, dass von tausend gelegten Eiern nur eine Schildkröte das Erwachsenenalter erreicht. Kein schöner Gedanke, doch: Thats the way of life.

Samara und die politische Situation in Costa Rica

Weiter reisen wir die Küste der Nicoya-Halbinsel entlang und erreichen Samara. Ein netter Ort an einer geschützten Badebucht, in dem zu unserer Überraschung viele deutsche Touristen ihren Urlaub machen. Bisher haben wir wenig deutsch sprechende Menschen in Costa Rica angetroffen. Der Strand ist durch vorgelagerte Felsen geschützt und eignet sich daher mehr zum Baden als zum Surfen. Von Anni, der Besitzerin unseres Hostels erfahren wir viel über die politische Situation. Es stehen Wahlen an und wir haben viele Plakate gesehen. Anni lobt die aktuelle Regierung, die gleichzeitig die Ökonomie, das Wohl aller und nicht nur der besser situierten Upperclass im Blick hat, erzählt sie. Wir haben viele Fahrzeuge mit türkisen Farben gesehen. Laut Anni bringen die Menschen damit zum Ausdruck, dass sie die Fortführung der aktuellen Regierung wollen, was bei uns ja inzwischen kaum noch en vogue ist.

Annis Schilderungen klingen überzeugend. Politik nutzt bekanntlich verschiedene Narrative und folglich recherchieren wir ein wenig zu der politischen Situation. Dort stoßen wir auch auf andere Sichtweisen, die Kritik an Chaves rechtspopulistischem Auftreten äußern. So wettert Chaves gegen das politischen Establishment, das Parlament, die Medien und auch gegen Gerichte, insbesondere als das oberste Wahlgericht eine Entscheidung im Herbst fällte, die ihm nicht passte. Gleichzeitig wird ihm Korruption und die Einschränkung der Pressefreiheit vorgeworfen. Das scheint gerade weltweit ein zunehmendes Phänomen zu sein. Nach der Verfassung darf der aktuelle Präsident nicht ein zweites Mal zur Wahl antreten, daher kandidiert Chaves Parteigenossin Laura Fernandez, die ihm schon mündlich im Falle ihres Wahlsieges einen Ministerposten in Aussicht stellt. Dadurch hätte er Immunität und wäre vor der juristischen Untersuchung zu den Korruptionsvorwürfen geschützt.

Costa Rica, das ungefähr so groß wie Niedersachsen ist und um die fünf Millionen Einwohner hat, galt lange als Vorbild und als ein demokratisch sicheres Land in Lateinamerika. Wissenschaftler äußern, dass die soziale Ungleichheit inzwischen weiter zunimmt. Soziale Leistungen wurden gekürzt. Viele Menschen können sich ausreichende Bildung und Gesundheit nicht mehr leisten. Ein zentrales Thema des Wahlkampf ist die zunehmende Drogengewalt und organisierte Kriminalität, deren Reduzierung auch nicht der aktuellen Regierung in den letzten Jahren gelungen ist. Strom wird zu fast 100 Prozent nachhaltig - überwiegend durch Wasserkraft - in Costa Rica erzeugt. Die vielen Naturschutzgebiete sorgen dafür, dass das Land ein beliebtes Ziel für Ökotouristen ist. Doch wir lesen, dass nicht alles so grün und ökologisch ist, wie es scheint. So zählt der Einsatz von Pestiziden in den für Bananen- und Ananasplantagen zu den höchsten weltweit. Die Arbeitsbedingungen dort sind oft gesundheitsschädlich und prekär.

Von Samara erkunden wir benachbarte Strände. An einer Brücke über einen Fluss, der direkt dahinter ins Meer fließt, soll es Krokodile geben. Diverse Schilder warnen vor den Krokodilen, doch tummeln sich bei unserem Besuch leider keine vor Ort.

In zwei Reiseblogs wurden natürliche Pools als Geheimtipp empfohlen, zu denen man nur bei Ebbe gelangen und dort drin baden kann. Wir finden diese und haben sie eine halbe Stunde für uns alleine, bevor die nächsten Personen kommen. Diesen Badespaß genießen wir ausführlich. Witzig finden wir, dass bunte Korallenfische in den Pool ganz nah um uns herum schwimmen. Erst mit der Flut können sie aus diesem natürlichem Felsenaquarium wieder flüchten. Zum Abschluss dieses schönen Tages gibt es unseren Klassiker: Sunset at the beach.

Auf nach Tamarindo zu den Schildkröten

Anni empfiehlt uns auf dem Weg nach Tamarindo einen Zwischenstopp an ihrem Lieblingsstrand „Playa San Juanillo“ zu machen. Als wir ankommen, können wir es sehr gut nachvollziehen. Der Strand besteht aus zwei Buchten, die durch eine kleine Landzunge getrennt sind. Es ist ein sehr kleines Fischerdorf. Einheimische Familien chillen an diesem Freitagnachmittag am Strand - so sieht Pura Vida aus. Ein Mann liegt tiefenentspannt, als könne er schwebelos auf dem Wasser treiben auf dem Meeresoberfläche - Pura Vida in seiner meditativen Form.

Schließlich erreichen wir das unter US-Amerikanern beliebte Tamarindo. Wir hatten schon mehrstockige Bauten am Strand befürchtet, doch positiv überrascht uns der Palmen gesäumte Strand. Mein befreundeter Kollege Philip hat uns ein Restaurant empfohlen, das sein Schwiegervater mit Freunden betreibt. Mehmet haben wir vor Ewigkeiten auf der Hochzeit von Lena und Philip gesehen. Das sei ja fünfzig Jahre her, meint Mehmet lachend, als wir uns begegnen.

Wir genießen das sehr leckere Essen bei ihm, trinken Wein aus Weingläser, das hatten wir zuletzt zuhause im letzten Sommer. Das Essen ist grandios. Wir fragen Mehmet, wie kommt man von Istanbul über Hamburg nach Costa Rica. 1991 war er hier im Urlaub und das Land hat ihn sofort in den Bann gezogen.

Ein letzter Programmpunkt auf der Nicoya-Halbinsel steht noch an: Ruth (ich aber auch) will unbedingt Schildkröten sehen. Also buchen wir eine Abendtour. Diese soll vier Stunden dauern, letztendlich werden es sechs. Im Dunkeln erreichen wir nach einer dreiviertelstündigen Fahrt den Strand. Es ist Vollmond und gleichzeitig Ebbe. Eigentlich kommen die Schildkröten nur bei Hochwasser zur Eiablage, erfahren wir. Das hat uns keiner beim Buchen erzählt. So sehen wir kurz eine Schildkröte, die kurz an Land geht, aber nach zwanzig Metern umdreht, weil der Wasserstand, zu niedrig ist. Wir sitzen eine Stunde im Dunkeln am Strand und warten. Schließlich meint unser Guide Nelson, dass wir zu einem anderen Strand gehen. Über Felsen stapfend gelangen wir dorthin und sehen wie eine Schildkröte an Land kommt und eine andere ihr Nest vorbereitet. Dafür reinigen sie mit ihren vorderen Flossen den Sand und bilden dabei einen Krater. Anschließend graben sie mit den Hinterflossen ein Loch, in dem sie ihre bis zu hundert Eier ablegen. Mit Rotlicht, dass die Schildkröten nicht sehen, können wir diesem Ereignis beiwohnen, bevor das absolute Highlight kommt, denn ein anderer Guide hat frisch geschlüpfte Schildkröten entdeckt, die sich kollektiv über den Strand zum Meer vorkämpfen. Mühsam robben sie durch den weichen Sand, bevor sie festen Sand unter ihren Flossen verspüren und dann, als ob sie Darsteller in einer Duracell-Werbung seien, schnell zum Wasser sprinten. Und eh wir uns versehen, sind sie mit der ersten Welle im Meer verschwunden. In circa zwanzig Jahren werden sie erstmalig an ihren Geburtsstrand zurückkehren. Macht es gut und passt auf euch auf, denken wir. 

Da wir für zwei Wochen nach Nicaragua reisen und dann nach Costa Rica zurückkommen, reduzieren wir unser Gepäck, denn dicke Socken, Jacken und Pullis benötigten wir in Patagonien, doch nicht in Mittelamerika. Im Vorwege hatten wir über Philip bei Mehmet angefragt, ob wir zwei Rucksäcke bei ihm für zwei Wochen zwischenlagern können. Kein Problem und so machen wir uns mit Ruths Tages- und Hauptrucksack auf dem Weg. Was für eine Wohltat nicht mit dicken Rucksack auf dem Rücken und dem eigenen Tagesrucksack vor der Brust durch die Reisewelt zu stolpern. Gleichzeitig bietet es uns die Möglichkeit in zwei Wochen nochmal bei Mehmet und seiner leckeren Küche vorbeizuschauen.

Die Nicoya-Halbinsel ist die trockenste Region in Costa Rica. Entlaubte Bäume oder trockenen Feldern und Wiesen begleiten uns auch heute ebenso wie in den acht Tagen zuvor. Diese Kargheit hatten wir nicht erwartet. Mit Costa Rica assozierten wir Grün, Grün, Grün. Nach unserem Nicaraguaaufenthalt wollen wir die Nebelwälder in den Bergen Costa Ricas aufsuchen. Dort soll es feuchter und grüner sein. Schau´n mer mal.

Wir fahren in das unspektakuläre Städtchen Liberia, um unseren Mietwagen zurückzugeben. Zügig und unkompliziert erfolgt die Fahrzeugrückgabe. Wir verbringen eine Nacht in Liberia, da von dort am nächsten Morgen unser Bus nach Nicaragua abfährt. Der Abend und die Nacht sind nicht leise, da an diesem Sonntag gewählt wurde und wie erwartet hat die Favoritin Laura Fernandez gewonnen. Autokorsos fahren laut hubend durch die Stadt, als ob das Land die Fussballweltmeisterschaft gewonnen hätte. Irgendwann gehen aber alle schlafen und so können wir auch die Augen schließen.