
#32 Leon - Hamburgs Partnerstadt in Nicaragua
Wir erkunden diesen geschichtsträchtigen Ort, in dem einst die sandinistischen Revolution begann. Eine spannende Zeitreise
NICARAGUA
18.02.2026
2/18/20267 min read
León - eine von Hamburgs Partnerstädten
In dieser Stadt begann 1979 die sandinistische Revolution
Mit einem Minivan als Shuttlebus reisen wir in dreieinhalb Stunden nach León. Hüfte an Hüfte mit den Nachbarinnen sitzen wir solide eingekeilt in der letzten Reihe. Die besten Zeiten der Stoßdämpfer und der Federung des Fahrzeuges liegen weit zurück. Ruths Rücken bekommt dieses leider nicht so gut.
Nicaragua mit seinen sieben Millionen Bewohnern ist ungefähr so groß wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zusammen. Als wir durch die Gassen Leóns wandeln, treffen wir auf Musikgruppen in Uniformen, viele Schulklassen sind unterwegs und in der Kathedrale werden Gedichte vorgetragen. Nachmittags gibt es einen riesigen Umzug durch die Innenstadt. Wir erfahren, dass am heutigen 6. Februar vor 110 Jahren der berühmteste und sehr beliebte Dichter Nicaraguas Rubén Darío hier in León gestorben ist und heute gefeiert wird. Ein buntes und lautes Treiben in den Straßen.
León ist Nicaraguas Universitätshauptstadt und besitzt die größte Kathedrale Lateinamerikas. Sie wurde von 1740 bis 1860 von afrikanischen und indigenen Sklaven erbaut, die nach Fertigstellung in den karibischen Dschungel getrieben wurden. Zwischen León und Hamburg besteht seit 1989 eine Städtepartnerschaft und in León startete 1979 die Revolution gegen den Diktator Somoza.












Ein historischer Rundgang mit einem Einheimischen durch León
Um mehr über die Geschichte und aktuelle Situation zu erfahren, nehmen wir an einer Freewalkingtour teil. Gespannt hören wir unserem einheimischen Guide, der über die Geschichte einer Stadt und den Alltag der Menschen berichtet, zu. Unsere Gruppe ist klein und besteht aus einem brasilianischen Paar, einem jungen Mann aus Düsseldorf und uns. Während bei unserer Tour in Valparaiso unsere Reiseführerin Krisna entspannt erzählte, merken wir das unser hiesiger Guide sich immer wieder umschaut, da die Behörden kritisch die Freewalking-Touren beäugen. Drohnen sind in Nicaragua verboten. Doch schwebt über unserer kleinen Gruppe eine. Unser Guide meint, wir mögen ein Stück weiter gehen und wir stellen uns unter einen Baum. Da er eine englischsprachige Tour anbiete, sei die Gefahr, dass jemand hinterher spioniert, nicht groß. Er bittet uns, das wir das, was wir hören vertraulich behandeln und wir nennen daher hier auch nicht seinen Namen. Mit Freunden sprechen die Menschen in der Regel nicht über die Politik, berichtet unser Guide, da man nie weiß, was dann doch durchsickert. Meinungsfreiheit ohne Sanktionen ist leider mal wieder keine Selbstverständlichkeit. Dabei schildert unser Guide uns lediglich geschichtliche Fakten und betreibt keine politische Agitation. Mit den Einnahmen bessert er sein Einkommen von 700 US-Dollar auf, um seine Familie zu ernähren, teilt er uns mit.


















Wir starten an einem Wandgemälde, das von einem Hamburger Künstler gemalt wurde. Dieses Murales stellt die nicht ganz einfache Geschichte Nicaraguas wie in einem Crashkurs dar.
Seit über 6.000 Jahre besiedelten Indigene, die Bezug zu den Mayas hatten das Land. Christopher Columbus erreichte 1502 das Land und sah das die Indigenen, Gold trugen. Diese Information weckte am spanischen Hof Begehrlichkeiten.
1520 begannen die Spanier die Besiedlung und gründeten die Städte León und Granada. 1821 erfolgte die Unabhängigkeit von Spanien. 1856 kam es zu einem Bürgerkrieg. Ursache war der lange Streit zwischen der liberalen Elite aus León und der konservativen Elite aus Granada. Die liberale Elite rief den US-Amerikaner William Walker mit seinen Truppen zur Hilfe. Dieser strebte allerdings die Unterwerfung Zentralamerikas an und wurde 1857 vertrieben.














1912 besetzten US-amerikanische Truppen das Land. Ab 1927 bekämpften nicaraguanische Guerillas unter Augusto César Sandino Führung die konservative Kräfte, die von US-amerikanischen Truppen unterstützt wurde. Die US-Amerikaner bildeten Militär aus und setzen Anastasio Somoza als Oberbefehlshaber ein. Nach dem Abzug der Amerikaner 1933 legten Sandino und seine Gefährten freiwillig die Waffen nieder. Somoza lud daher Sandino und einige seiner Offiziere zu einem Bankett ein, wo Somoza sie ermorden ließ. Da die Leiche von Sandino nie gefunden wurde, wird er in Bildern meist als Schatten dargestellt. Somoza agierte als Diktator und wurde 1956 auf einem Bankett vom Dichter Rigoberto López Pérez, der sich als Kellner getarnt hatte, ermordet. Somozas Sohn Luís Somoza Debayle führte das harte Regime seines Vaters fort und die Sandinisten bekämpften seine Diktatur.




Sandino besiegt auf dem linken Bild "Somoza" und auf dem rechten Bild "Unkle Sam"
Die sandinistische Revolution
1979 startete die Revolution der sogenannten Sandinisten in León und am 17.7.1979 floh Somoza nach Florida. Intellektuelle entwarfen die Verfassung und setzen Daniel Ortega, der bis zum 18.7.1979 in Costa Rica weilte, als Staatspräsident ein, da er ein guter Redner war.
Unser Guide ergänzt die geschichtliche Darstellung mit eigenen persönlichen Erfahrungen. Die 80er Jahre waren eine gute Zeit für die Menschen, sagt er. Sandinisten führten Bildung ein, reduzierten die Analphabetenrate der Erwachsenen, die bei 70 Prozent lag, sehr stark und bauten ein kostenloses Gesundheitssystem auf. Die Menschen fühlten sich frei und lebten ohne große Sorgen.


Die USA fürchteten den Erfolg der Sandinisten in Zentralamerika und verhängten 1985 ein Embargo. Während der Regierungszeit von Ronald Reagen unterstützten Anhänger von Somoza und der CIA die Contras, die von Honduras aus agierten, sowohl finanziell als auch militärisch.
Während meiner Studienzeit war es üblich, dass man in den WGs die Sandino-Dröhnung trank. Damit unterstützte man die nicaraguanischen Bauern direkt in der Zeit des Embargos. Der Kaffee war stark und mir persönlich zu bitter. Wir tranken ihn folglich nicht wegen des Geschmacks sondern aus Solidarität mit der nicaraguanischen Bevölkerung. Seit Ende der 80er Jahre sind eindeutige Qualitätssprünge erfolgt. Der Cappuccino hier schmeckt, als ob wir in Italien weilen.










Bei Wahlen gewann 1990 die konservative Opposition, der später auch Korruption und Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde. Die USA hatten im Wahlkampf ein Ende des Embargos im Falle des Sieges der Konservativen in Aussicht gestellt. Die Bevölkerung litt sehr unter diesem Embargo, da nicht ausreichend Lebensmittel eingeführt werden konnten. Daher wählten viele Bürger, auch wenn sie eigentlich von den Sandinisten überzeugt waren, die konservative Opposition, damit endlich das Embargo aufhört, schildert unser Guide. Hunger macht erpressbar.
Bevor ihr weiter lest, ein wichtiger Hinweis. Die jetzt folgende Beschreibung der Geschichte seit 2006 stammt nicht von unserem Guide, sondern ich habe diese Informationen überwiegend aus Wikipedia zusammengetragen:
2006 gewannen wieder die Sandinisten unter Ortega die Wahl. Im Laufe der Zeit hat dieser ein Imperium um sich aufgebaut. Ehemalige Weggefährten wie der bekannte Priester und ehemalige Kulturminister der ersten Stunde Ernesto Cardenale, kritisierten Ortegas autoritären Führungsstil schon frühzeitig, da er nicht mehr demokratisch sei und den Urgedanken der Revolution verrate. Sie traten 1994/1995 aus der Partei aus. Als die Regierung soziale Einschnitte vornahm, kam es 2018 zu landesweiten Protesten, die von Studenten wieder in Leon gestartet wurden und denen sich schließlich Hunderttausende anschlossen. Auf Protestierende wurden mit scharfer Munition geschossen und mehrere Hunderte Menschen wurden umgebracht.
So passiert es, dass Personen, die Verwandte im Ausland besuchen oder in Urlaub fahren, bei ihrer Einreise in Nicaragua mit Fotos konfrontiert werden, die sie zeigen, wie sie 2018 an den (friedlichen) Protesten teilnahmen. Zwei Optionen bieten ihnen die Grenzbeamten in der Regel an: Einreisen und ins Gefängnis gehen oder nicht einreisen. Das führt dazu, dass viele nicaraguanischen Bürger im Ausland (insbesondere den USA) als Flüchtlinge leben. Auch wurden Personen ihre nicaraguanische Staatsbürgerschaft aberkannt, so dass sie staatenlos wurde. Ein Schicksal, das nicht wenige Nicaraguaner getroffen hat.
Inzwischen sind über 5.000 Institutionen, NGOs und selbst kirchliche Einrichtungen wie die Caritas oder Universitäten von Ortegas Regime verboten worden. Erschreckend, wie aus einem guten solidarischen Ansatz dann einzelne Personen ihre Macht missbrauchen.






Über Websites und Wikipedia hatten wir uns im Vorfeld viel mit der Geschichte und politischen Situation in Nicaragua informiert. Doch durch die Originalschauplätze zu besuchen und persönlichen Schilderungen von einem Guide zu hören, wandeln dieses abstrakte Wissen in plastische Lebensrealität um. Eine beeindruckende Tour mit unserem Guide, über die wir noch länger nachdenken.
Sowohl Granada als auch León gefallen uns. Granada wirkt mit den vielen Kolonialbauten reicher und ein klitzekleines bißchen mondän, während León lebhafter, politischer und historisch spannender auf uns wirkt. Schön, dass wir diese Unterschiedlichkeiten erleben und wahrnehmen können.
Uns fällt auf, dass in León und Granada viele chinesische Warenhäuser existieren. Ein Einheimischer erzählt uns, dass die chinesischen Geschäftsleute nicht beliebt sind. Zum einen betreiben sie die lautesten Shops, da sie große Lautsprecherboxen in den Eingang stellen und die gesamte Straße beschallen. Diese Wahrnehmung können wir definitiv bestätigen. Zum anderen bezahlen sie schlecht; in der Regel acht Dollar für einen Arbeitstag von vierzehn Stunden.









Auf dem Dach der größten Kathedrale Lateinamerikas
Am Spätnachmittag unseres dritten Tages in León erklimmen wir über eine schmale Treppe das Dach der weißen Kathedrale und sind berauscht von der Atmosphäre und dem Ausblick. Vulkane umgeben die Stadt, einer raucht leicht und die Architektur der Kathedrale begeistert uns. Spontan denken wir beide an Gaudis Casa Milà in Barcelona, dessen Dach wir einst auch besucht haben. Je nach Blickwinkel variieren unsere Assoziationen. Mal erinnert uns die Architektur an griechische Kirchen oder auch an buddhistische Stupas. Die Sonne senkt sich langsam und beleuchtet die weiße Kathedrale mit ihrem warmen Licht. Was für ein schöner Abschied.

























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