#38 Start in das neuseeländische Campervanlife

Nachdem wir den Campervan übernommen haben, entern wir einen Supermarkt und begeben uns dann auf die Straße nach Süden.

NEUSEELAND

29.03.2026

3/29/202611 min read

Kühlschrank füllen und los geht es

Nicht weit entfernt von der Filiale unseres Vermieters liegt ein Supermarkt. Wir füllen einen Einkaufswagen und räumen dessen Inhalt in den Camper.

Unsere erste Nacht verbringen wir ca. 120 Kilometer südlich von Christchurch auf einen Campingplatz in Geraldine. Auf dem Rückweg von der Toilette komme ich an einem VW Bulli wie unserem vorbei (hier selbstverständlich mit dem Lenkrad auf der rechten Seite) und sehe eine interessante Tischkonstruktion. Ich spreche die Besitzer an und wir kommen ins Gespräch. Ana und Peter kommen ursprünglich aus Newcastle in Großbritannien und leben seit 2009 in Neuseeland. Ihre Tochter ist nach Nelson gezogen und sie hinterher. Beide sind jahrelang Seekajak gefahren und schon haben wir das nächste Thema. Sie laden mich ein bei ihnen zuhause vorbeizuschauen und meinen, dass ich und meine Frau gerne an diesem Abend ihnen Gesellschaft leisten können. Das machen wir gerne und so klönen wir den Abend miteinander. So schnell würde uns das nicht auf einem deutschen Campingplatz passieren und vor allem, wer lädt jemanden, den er seit fünfzehn Minuten kennt, einfach so ein, bei ihm zuhause vorbeizukommen? 

Shoppingtour

Neben zwei Kopfkissen haben wir eine dünne Sommerbettdecke in unserem Wagen. Da wir uns im Übergang von Sommer zu Herbst befinden, sind wir uns sicher, dass diese bei kühleren Nächten nicht ausreicht. Also fahren wir verschiedene Läden an, um uns ein Wärme-Update zu gönnen. Wir finden eine dicke, flauschige Decke, die Ruth so gut gefällt, dass sie sie mit nach Hause nehmen will. Wie diese in ihren Rucksack, der schon jetzt prall gefüllt kurz vorm Platzen ist, passen soll, bleibt mir ein Rätsel. In den Supermärkten sind die Kassiererinnen gesprächiger als zuhause. Sie fragen nach unserer Reise, scherzen gelegentlich und geben manchmal Tipps.

Nahe am Meer in Hampden beziehen wir einen kleinen netten Platz. Das Wetter ist heute feucht und abends regnerisch. Es ist frisch und wir werfen den Heizlüfter an. Dieser pustet ordentlich. Allerdings outet er sich als Ventilator, da die Heizfunktion defekt ist. Folglich suchen wir in Rücksprache mit unserem Campervermieter am nächsten Tag in Dunedin einen Baumarkt auf und erwerben einen Heizlüfter.

Auf dem Weg halten wir auf der Halbinsel am Katiki Point Lighthouse an. An den Felsen und oben auf der Wiese tummeln sich zahlreiche Neuseeländische Seebären. Wir flanieren zwischen ihnen hindurch und erfreuen uns an den kleinen Bären, die uns mit treuen Augen anschauen oder sich auch mal zanken.

Otago Peninsula - einer unserer Lieblingsplätze in Neuseeland

Hinter Dunedin liegt die Otago Halbinsel. Am Westufer schlängelt sich gemütlich eine dreißig Kilometer lange kurvenreiche Küstenstraße am Fjord bis zum Royal Albatross Center entlang. Wir übernachten auf einem kleinen, wunderschönen Stellplatz am Harrington Point Beach mit Dünen- und Strandblick. Wir erkunden die Umgebung und auf dem Rückweg stehen wir vor der Wahl 1,5 km zurückzugehen oder einen ca. 200 m langen Steinwall bis zu unserem Strand entlang zu klettern. Wir streifen die Flipflops ab und jonglieren barfuß über die Steine.

Es ist die erste Nacht auf einem Stellplatz ohne Strom. Die Batterie ist gut geladen und die Solaranlage speist weiter ein. Lediglich der Kühlschrank verbraucht Strom. Abends schalten wir eine LED-Deckenlampe an. Als ich zwei Stunden nach Sonnenuntergang meine Zähne putzen will, betätige ich unseren Wasserhahn. Die Pumpe saugt für zwei Sekunden Wasser an. Dann flackert die Deckenlampe und die Pumpe stoppt. Offensichtlich besteht ein Problem mit der Batterie. Daraufhin entwickelt sich ein reger Emailverkehr mit unserem Vermieter. Ein Techniker meint, dass wir die Batterie länger an Strom legen sollten. Wir antworten, dass wir das zwei Nächte lang getan haben und dass wir selber einen Campervan haben und eine geladene Batterie mindestens zwei Tage ohne Einspeisung laufen sollte. Unserer Meinung nach liegt ein Batterieproblem vor. Schließlich sagen sie zu, uns für den Folgetag einen Termin in einer Werkstatt in Dunedin zu organisieren.

Nachdem wir am Vortag die Westküste erkundet hatten, wenden wir uns heute der Ostseite der Halbinsel zu.  Diese bietet grüne Hügel, raue, einsame Strände und steile Klippen. Wir lieben diesen Mix. So besuchen wir einem einsamen Strand, wo die Brandung heftig heranrauscht und zwei Seelöwen im Sand dösen. Wir spazieren über Schafsweiden zu verschiedenen Aussichtpunkten.

Nahe beim Allens Beach sehen wir in der Bucht, dem sogenannten Inlet ein paar junge Seelöwen im Wasser spielen. Schließlich gesellt sich ihre Mutter dazu. Begeistert schauen wir dem Treiben zu. Am späten Nachmittag erreichen wir Dunedin, wo wir bei Sonnenuntergang am Strand noch eine Zeit sitzen. Ein wunderschöner Abschluss für einen ebenso schönen Tag!

Pragmatische neuseeländische Handwerker

Per Email erhalten wir von unserem Vermieter die Nachricht, dass wir bei einem Firma für Gas-Wasserinstallation mittags einen Termin haben. Wir sind ein wenig überrascht über die Auswahl, da die Firma aber auch Solaranlagen installiert, mutmaße ich, dass sie deswegen ausgewählt wurde. Als wir dem Chef das Problem schildern, wundert er sich ebenso wie wir, dass seine Firma ausgewählt wurde. Ich antworte, dass unsere Vermietung davon ausgeht, dass neuseeländische Handwerker alles reparieren können. Da lacht er, greift zum Telefon und ruft einen bekannten Elektroinstallateur an. Der schickt einen Mitarbeiter vorbei, der alles im Wagen checkt und zum Ergebnis kommt, dass wir eine neue Batterie brauchen. Der Chef steigt in seinen Wagen und holt eine neue Batterie. Hier wird dir geholfen! In Deutschland hätte es wahrscheinlich von einer Gas-Wasserinstallationsfirma den berechtigen Hinweis gegeben, dass sie nicht zuständig sein und wir bitte den Vermieter kontaktieren mögen. Hier lösen die Kiwis das Problem. Kundenorientierung par excellence.

Der Wetterbericht bestimmt die Reiseroute

Eine Sache, die auf unserer virtuellen Bucketliste schon lange steht, ist eine Kajaktour im berühmten Milford Sound. Den ca. 150 km südlicher gelegenen Doubtful Sound hatten wir vor zehn Jahren erkundet. Beide liegen im Fiordland, das zum einen Weltnaturerbe ist und zum anderen eine der regenreichsten Regionen der Welt. Jährlich fällt hier zehnmal soviel Regen wie in Hamburg.

Als wir auf der Wetterkarte sehen, dass ab Donnerstag mehrere Tage Sonne pur angekündigt ist, buchen wir dort einen Trip. Zwar waren wir kurz ein wenig verärgert, da wir für die Morgentour, die um 6.30 Uhr startet eine Zusage hatten, die dann aber wegen eines Buchungsfehlers storniert wurde und wir auf 9.00 Uhr umgebucht wurden. Doch lange ärgern, bringt auch nichts.

Doch bevor wir zum Milford Sound fahren, machen wir einen Umweg über Wanaka, denn dort kreuzt sich unsere Reiseroute mit der von unserem jüngsten Patenkind Luise, die gerade mit einer französischen Freundin Neuseeland bereist. Von Dunedin fahren wir zunächst in Richtung Norden, um Naseby zu besuchen, ein kleines altes Goldgräberdörfchen, in dem die Zeit ein wenig stehen geblieben ist. Hier im Landesinneren bestimmen die beigen, trockenen Wiesen und Felder die Landschaft. Im Gegensatz zur Küstenregion ist hier die Waldbrandgefahr hoch und offenes Feuer ist verboten. Landwirtschaft prägt diese dünnbesiegelten Gegend. Neuseeland hat bei einer Fläche, die nur 22 Prozent kleiner ist als Deutschland, lediglich fünf Millionen Einwohner. Somit ist die Einwohnerdichte zwölfmal kleiner als in good old Germany. Viel Platz für wenige Menschen, von dem wir auch profitieren. Selbst an wunderschönen Stränden und Orten treffen wir meist nur auf wenige andere Personen.

Wir fahren weiter zum alten Goldgräberstädtchen St Bathans, das am Blue Lake liegt, einem kleinen künstlichen von den Goldgräbern vor hundert Jahren erzeugten See. Ein knuffiges Örtchen. Schließlich erreichen wir unseren Campingplatz am Lake Wanaka.

Treffen mit Patenkind in Wanaka und Alkoholtest

Vor einem dreiviertel Jahr haben wir unser Patenkind Luise zuletzt gesehen. Nun reist sie mit dreimonatigem Work-and-travelvisum seit Januar durch Neuseeland. Unter anderem hat sie in einem Yoga-Retreat gejobbt. Ein Mitarbeiter ist gerade für sechs Wochen auf Bali und hat ihr sein Auto überlassen. Mit ihrer französischen Freundin Florin hat sie diesen so eingerichtet, dass sie beide im Kompaktwagen schlafen können und erkunden nun Neuseeland. Kompakt ist ihr Schlafgemach wahrlich.

Welch eine große Freunde für uns sie hier zu treffen. Bei Kaffee und später gemeinsamen Abendessen tauschen wir uns mit ihr und Florin über Reiseerlebnisse aus. 

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Die beiden bleiben noch einen Tag hier, bevor sie nach Queenstown fahren und wir düsen zum Milford Sound.

In einem kleinem Ort im Nirgendwo winkt mittags um 14 Uhr ein Polizist kräftig mit der Kelle und fordert alle Fahrzeuge zum Anhalten an. Fünf Polizisten stehen hintereinander an der Mittellinie. Zwei Fahrzeuge stehen vor uns. Folglich widmet sich der dritte Officer uns. Er grüßt freundlich und teilt mit, dass sie Alkoholtests durchführen. Er hält ein elektrisches Gerät vor mein Gesicht und fordert mich auf: „Count to ten“. Ich bin irritiert, da ich davon ausgehe in ein Röhrchen zu pusten, doch er meint, einfach bis zehn zu zählen. Also spreche ich in Richtung Gerät und Polizist. Bei Acht sagt er „stop“ und wünscht uns eine schöne Fahrt. Bei seinen Worten musste ich sofort an den Song „Count to ten“ der dänischen Sängerin Tina Dico denken und frage mich, ob sie wohlmöglich an neuseeländische Alkoholtest dachte, als sie den Song komponierte.

Eine 120 km lange Sackgasse und Kajakfahren am Wasserfall

Den Milford Sound, der in der Sprache der Maori „Piopiotahi“ heißt, kann man nur über eine Straße, die in Te Anau beginnt und 120 Kilometer lang ist, erreichen. Wir gönnen uns eine Kaffeepause in Te Anau. Der Ort hat sich im Vergleich zu vor zehn Jahren noch weiter zum touristischen Hotspot entwickelt und ist für viele Reisende der Ausgangsort zum Milford Sound. Reisegruppen und zahlreiche Wohnmobile prägen das Stadtbild. Im Ort reihen sich Restaurants, Cafés, Take-aways und Souvenirshops aneinander. Asiatische und europäische Touristen geben sich die Türklinken in die Hand. Kein Wunder, denn Milford Sound selber ist ein kleiner zwischen steilen Hügeln eingezwängter Hafen, von dem die Ausflugsboote starten, mit lediglich einem Motel, einer Lodge und einem Flughafen. Lebensmittelgeschäft oder kulinarische Infrastruktur sucht man dort vergeblich.

Wir fahren weiter durch beigefarbene Wiesen, Täler, Regenwälder, einen Tunnel und Serpentinen bis zum Milford Sound. Die Kulisse ist wieder einmal beeindruckend und abwechslungsreich.

Schließlich erreichen wir den kleinen Hafen, den wir bisher nur mit Wolken und Regen kennen, bei Sonnenschein. Freudig begrüßen uns die Sandflies. Kleine Fliegen, die ganz gerne Blut saugen und deren Bisse ein bis zwei Tage später dezent juckend sichtbar werden. Von unserem Kajakguide erfahren wir am nächsten Morgen, dass es in Neuseeland 17 verschiedene Sandfly-Arten gibt, von denen lediglich drei den Menschen beißen. Leider kann der Laie diese optisch nicht voneinander unterscheiden.

Beim Milford Sound handelt es sich genau genommen um einen Fjord. Da englische und walisischer Seefahrer aus ihrer Heimat nur den Begriff „Sounds“ kannten, fügten sie auch hier dem Namen das Wort „Sound“ an. Angeblich soll der britische Schriftsteller Rudyard Kipling den Milford Sound als das achte Weltwunder bezeichnet haben. Den Fjord flankieren bis zu 2.000 m hohe Berge. Zentral ragt der Mitre Peak mit 1692m empor, der schon vom Hafen aus ins Auge sticht.

270 Grad Rundblick im Milford Sound

Morgens früh treffen wir unseren Kajakguide Luz. Mit uns paddeln vier weitere Gäste: Nicole aus Kalifornien, Jannik aus Aachen, Peter aus der Slowakei und Simone aus Tschechien. Nachdem wir ausgestattet und unterwiesen wurden, werden die Boote seitlich und auf dem Dach des Wassertaxis fixiert und wir steigen ein. Dann fährt uns Rosco weit raus in den Fjord, wo wir dann vom Boot aus in die Kajak einsteigen. Nach unserer zehntägigen Kajaktour in Indonesien mit ungewöhnlichen Ein- und Ausstiegen überrascht uns nichts so schnell und wir klettern in unser Kajak. Wir paddeln am Seal Rock vorbei und wie der Name es verspricht, tummeln sich Seebären im Wasser. Dann geht es zu den Stirling Falls. Wasser fällt aus 151 m Höhe senkrecht in den Fjord und erzeugt durch die Luftmassen, die es verdrängt einen kräftigen waagerechten Wind am Fuß des Wasserfalls. Luz betont, dass er ein adventure-junkie sei und daher will er mit uns eng am Wasserfall vorbeipaddeln. Er git noch ein paar Tipps und dann heißt es schräg in Richtung des Wasserfalls zu paddeln und dann beizudrehen.

Der Wind ist immens und die Luftfeuchtigkeit ebenso. Dreimal paddeln wir kräftig am Paddel ziehend am Wasserfall vorbei. Beim ersten Mal reißt es uns die Kapuzen vom Kopf. Anschließend geht es geruhsam an den steilen Uferwänden vorbei. Die Idylle wird weniger durch die Ausflugsboote als viel mehr durch den Flugverkehr ein wenig getrübt. Hubschrauber und einmotorige Flugzeuge bieten Rundflüge an und auch von anderen Orten, wird die eng zwischen den Bergen eingezwängte Landebahn angesteuert. Laut Luz ist dieser kleine Flughafen einer der meist frequentierten in Neuseeland. Nicht von den Passagierzahlen, aber von der Anzahl der Starts und Landungen. Eine Schattenseite des Tourismus. In dieser Wildnis wird die Ruhe vom Dröhnen der Motoren durchdrungen. Nach fünf Stunden paddeln im Sonnenschein erreichen wir den Hafen.

Nun fahren wir die lange Sackgasse zurück. Aufgrund der internationalen Aktivitäten eines imperalistisch auftretenden Präsidenten, der immer wieder um den Friedensnobelpreis bettelt wie ein Fünfjähriger um Süßigkeiten, suchen die Automobilisten auch in Neuseeland nach günstigen Tankstellen. Auch wir fahren eine Selbstbedienungstankstelle in Te Anau an. Der junge Mann, der in der Reihe vor mir steht, schafft es mit seiner Kreditkarte das zentrale Bezahlterminal lahmzulegen. Der Bildschirm flackert nur noch und es ist keine Zahlung möglich. Zu dritt versuchen wir zehn Minuten lang das digitale Wesen zu besänftigen - vergeblich. Doch keiner regt sich auf, sondern mit kollektiver Gelassenheit akzeptieren alle die Situation. Inzwischen hat sich um die Tankstelle ein Stau gebildet, der bis in einen Kreisverkehr hineinreicht. Erfolglos verlassen wir die Tankstelle und suchen nach einer weiteren.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir in Manapouri, das zwanzig Kilometer südlich von Te Anau liegt. Ein wunderbarer, ruhiger, kaum touristischer Ort mit einem Campingplatz, von dem wir auf den Manapouri Lake und die dahinter liegenden Berge schauen.

Der Besitzer hat einen Faible für Oldtimer und so sind einige Fahrzeuge, die zwar nicht mehr fahrbereit, doch dafür mit viel Patina versehen sind, auf dem Campingplatz verteilt.

Wir waschen unsere Wäsche und machen einen kleinen Spaziergang zum See. Ansonsten gilt: Keine Action, kein Tag auf vier Rädern auf der Asphaltpiste, keine Reiseplanungen sondern einfach nur die Seele den ganzen Tag über baumeln lassen.

Wunderbar!

Nachmittags röhrt es kräftig. 200 Moped- und Motorradfahrer, oft mit alten Gefährten und in bunten Kostümen wie im Karneval brettern durch den Ort. Es handelt sich um die einmal jährlich stattfindenden Southland Scooter Challenge. 190 km fährt die Gruppe durch das Land. Jeder zahlt eine Teilnahmegebühr, die eine Gemeinschaftsinitiative für junge Menschen unterstützt, die in der Region Südland lokale psychische Ressourcen und Veranstaltungen organisiert und bereitstellt. Eine tolle Initiative, wie wir finden.