
#41 Das Land der endlos langen Sackgassen?
Weitverzweigt und einsam breiten sich die Marlborough Sounds im Nordosten der Südinsel aus. Über kurvenreiche Straßen erreichen wir die äußeren Ecken.
NEUSEELAND
12.04.2026
4/12/20267 min read
Marlborough Sounds - Wilde Landschaften, Gezeitenströme und Stachelrochen
Nun fahren wir über Nelson in östliche Richtung. Unser Ziel ist der French Pass, der zu den Marlborough Sounds gehört. Viele Meeresarme und Halbinsel bilden dieses Geflecht im Norden der Südinsel. Beim French Pass handelt es sich um einen abgelegenen Ort am Ende einer - mal wieder langen - Sackgasse.
Für 62 Kilometer benötigen wir fast zwei Stunden. Anfangs noch geteert, geht es schließlich auf einer engen, kurvenreichen Schotterpiste mal wieder bergauf und -ab. Je weiter wir fahren, um so beeindruckender wird die Landschaft. Auf einem Kamm, der zu beiden Seiten den Blick aufs Meer eröffnet, kann ich ob des starken Windes kaum die Autotür öffnen, um ein Foto zu machen.



Der French Pass erhielt seinen Namen von dem französischen Kapitän Jules Dumont d´Urville, der mit seiner Crew beim Passieren der Meerenge die Kontrolle über das Boot verlor, das zweimal auf Felsen lief und schließlich auf das Riff gespült wurden. Kein Wunder, denn diese Meerenge hat den stärksten Gezeitenstrom Neuseelands. Als wir zu ihm gehen, hören wir schon im Wald das kräftige Rauschen seiner Strömung. Auf der einen Seite der Meerenge liegt die Cook Strait und auf der anderen die tasmanische Bucht. Unterschiedliche Tidenhübe und Gezeiten dieser beiden Meeresbuchten erzeugen eine Strömungsgeschwindigkeit von bis zu 7 Knoten (13 km/h). Die stärkste je gemessene Strömung betrug 12 Knoten. Die Kräfte der Wassermassen können wir deutlich vom Ufer aus sehen und betrachten diese mit Respekt. Des Weiteren erzeugen Vertiefungen im Meeresgrund vertikale Strömungen, die in der Vergangenheit einige Tauchern in die Tiefe gezogen haben und zum Verhängnis geworden sind.







Das Örtchen „French Pass“ liegt in einer geschützten Bucht und besteht aus ein paar Häusern, einer kleinen Schule und einem Steg. Die Uhren scheinen hier langsamer zu gehen. Am Ufer ergattern wir auf dem kleinem Parkplatz eine Campsite am Strand mit Meerblick. Lediglich sechs andere Camper stehen mit uns am gefühlten Ende der Welt. Wir genießen die restlichen Sonnenstrahlen des Tages auf einer Bank im Windschatten des vom rauhen Wetter gezeichneten Steges.
Die Rückfahrt am nächsten Tag dauert länger als google map prognostiziert. Dieses liegt allerdings nicht an einer Fehlfunktion der App sondern daran, dass die Aussichten immer wieder so wunderschön sind, dass wir anhalten, staunen und fotografieren.


























In Elaine Bay machen wir eine Pause, die ebenfalls länger als beabsichtigt ausfällt, denn vom Steg aus sehen wir, wie Stachelrochen, die teils eine Größe von einem Meter in Länge und Breite (plus Stachel) haben, wie fliegende Wesen ihre Kreise ziehen. Ich schnappe mir meine Kamera und drehe auf der untersten Stufe des Steges reichlich Unterwasservideos. Mein Glück ist, dass die Rochen das Ende des Steges auf der Suche nach Essbarem umkreisen, unter dem Steg dann durchschwimmen und mich manchmal mit nur einem halben Meter Abstand passieren. Faszinierend wie die Tiere gemächlich durch das Wasser gleiten.







Hopewell - das kleine Paradies am Ende der Straße
Wir übernachten in dem Fischerort Havelock, bevor wir am nächsten Morgen nach Hopewell aufbrechen. Nach zwölf Kilometern biegen wir bei Linkwater wiedereinmal in eine - diese Mal 71 km lange - Sackgasse ab. Schon vor zehn Jahren sind wir diese Straße gefahren. Es ist schon immens, was das Gehirn so verdrängt. Dass die Straße eigentlich nur aus Kurven besteht, teils einspurig ist und sich soooo lang zieht, hatte ich verdrängt. Doch wir wissen diese Fahrt lohnt sich. Nach zweieinhalb Stunden fahren wir bei der Hopewell Lodge vor. Diese gilt seit Langem als eine der besten Backpackerunterkünfte Neuseelands und dabei bietet sie nicht mal Frühstück an. Wir tauschen für drei Nächte das Bett im Camper gegen eines in einem Zimmer. Auch verfügt unser Raum über kein Badezimmer. Das befindet sich im Nachbargebäude. Was macht diese Unterkunft dann so einzigartig? Es sind die Lynley und Mike, die Hopewell aufgebaut haben und betreiben. Sollte es einen Studiengang „professionelle herzliche Gastfreundschaft“ geben, Lynley und Mike hätten die Professuren inne.
Als wir ankommen, bittet Mike uns an einem Tisch im Garten Platz zu nehmen und holt für uns Tee, Kaffee und Kekse. Dann klönen wir miteinander. Kurz nach uns fahren zwei weitere Gäste mit ihren Motorrädern vor. Mike setzt sie selbstverständlich zu uns. Per Anschlag begrüßen Jason und Jason uns. Jason 1 war schon ein paar Mal hier und hat seinem Kumpel Jason 2 vorgeschwärmt. Beide arbeiten in der IT. Mike trägt eine Baseballkappe, auf der ein Flugzeug abgebildet ist. Jason 1 fragt nach und Mike erzählt von seinem letzten Flug in einem Zweisitzer. Kein Wunder, dass Jason 1 interessiert ist, denn er ist früher Helikopter in Los Angeles geflogen.


Die Gäste der Lodge können kostenfrei Mountainbike, Kajak, Ruderboot nebst Angelausrüstung und SUP-Boards ausleihen. Wir schnappen und ein Kajak und paddeln eine Runde.
Als wir zurückkommen, lernen wir die nächsten Gäste kennen. Nina und Murray und ihre beiden Töchter. Nina kommt aus Frankfurt, war 2002 erstmalig in Neuseeland und lebt nun seit zwölf Jahren in Neuseeland. Kurz danach kommt Ninas Freundin Karen mit Familie. Karen hat 1997 Deutschland verlassen, dann in Kanada und auf den Bahamas gelebt, bevor sie nach Neuseeland zog.
Es gibt ein große Gemeinschaftshaus mit großer Küche und einem Wohnbereich. Mike heizt jeden Abend dort den kleinen Ofen ein. Gemütlich sitzen wir am ersten Abend nach dem Essen vorm Kamin.


















Karfreitag zündet Mike abends ein Lagerfeuer im Garten an und die meisten Gäste sammeln sich darum. Wie schon vor zehn Jahren machen wir die Erfahrung, dass Lynley und Mike eine Athmosphäre schaffen, dass alle sich wohl fühlen und man eher das Gefühl hat, Teil einer Gemeinschaft als ein Gast zu sein. Der Ort liegt fernab vom Trubel; dorthin kommen Menschen, die Ruhe suchen und der Hektik des Alltags entfliehen wollen, aber gleichzeitig auch am Austausch mit anderen Menschen interessiert sind.
Ostersamstag lernen wir eine neuseeländische Ostertradition kennen. Lynley und Mike haben gebacken und laden alle um 11 Uhr morgens zu Hot Cross Buns ein. Das sind Zimt-Rosinen-Brötchen mit einem Hauch Muskatnuss, die mit einem Kreuz aus Zuckerguss verziert sind. Wieder einmal gelingt es Lynley und Mike all ihre Gäste um einen Tisch zu versammeln.


Den Nachmittag gestalten mit der Planung unserer Weiterreise und kommen zu dem Ergebnis unseren Neuseelandaufenthalt ein paar Tage zu verlängern. Wir schreiben unseren Vermieter an und schnell kommt die erwartete Antwort. Da wir am Ende der Saison reisen, ist die Verlängerung des Campervan kein Problem. Nach soviel Denkarbeit gönnen wir uns eine Belohnung und legen uns noch in die Hottube, von der man im warmen Wasser liegend auf das Meer und die Hügel blickt. Welch angenehmer kleiner Luxus.










Ein weiteres Highlight, das wir 2016 schon schätzen lernten, ist das gemeinsame Muschelessen. In den Marlborough Sounds werden grünen Muscheln gezüchtet. Diese hängen an langen Tauen, die von Bojen getragen werden. Mike fährt nachmittags raus und erntet zwei Eimer der „Green Mussels“. Um 18 Uhr sammeln sich alle an dem langen Tisch beim Haus von Lynley und Mike. Beide servieren selbstgebackenes Brot und Dips. Mike schmeißt den Gaskocher an und kocht die Muscheln. Wenn sie fertig sind, schüttelt er diese auf den mit Zeitungspapier bedeckten Tisch. Alle mümmeln und klönen. Lynley und Mike bringen die Menschen ganz unaufgeregt mit ihrer Gastfreundlichkeit zusammen. Am Ende des Essen schlägt Nina vor, dass Lynley und Mike eigentlich den Friedensnobelpreis verdient hätten und nicht dieser amerikanische Neunundsiebzigjährige. Dem können wir nur zustimmen; die 61-jährige und ihr 71-jähriger Mann tun mehr für die Menschheit als der alte Mann im weißen Haus.



Mit Nina tauschen wir uns aus und wir finden es spannend, wie sie die Unterschiede zwischen Neuseeland und Deutschland wahrnimmt. Im hiesigen Schulsystem werden in den ersten sechs bzw. acht Jahren keine Schulnoten vergeben. In den Zeugnissen werden die Stärken der jungen Menschen benannt. Das können z.B. Sport, Naturwissenschaften, Sprachen oder soziale Kompetenzen sein. Statt der Schulnoten gibt es lediglich Hinweise im Zeugnis, ob jemand sich im altersgerechten Rahmen der Fächern bewegt. Auf unserer Reise sahen wir gelegentlich reine Jungen- oder Mädchenschulgruppen. Es gäbe nicht wenige geschlechtsorientierte Schulen, teilt uns Nina mit. Da merkt man, dass Neuseeland zum britischen Commonwealth gehört.
Im Gegensatz zu Deutschland findet Nina, seien Frauen und Männer jeweils mehr unter sich. Selbst beim gemeinsamen Kneipenbesuch einer Gruppe sitzen Frauen und Männer geschlechtsspezifisch getrennt. Nina vermisst, dass sie im Gegensatz zu Deutschland kaum männliche Freunde hat. Der Aspekt ist neu für uns. Man lernt im Leben nicht aus.
Goodbye South Island
Ursprünglich wollten wir bis zum Dienstag nach Ostern in Hopewell bleiben, doch die hiesigen Fährgesellschaften hatten unseren Plan durchkreuzt. Jeder - aber auch wirklich jeder - Neuseeländer mit dem wir über die Fähren, die zwischen Nord- und Südinsel verkehren, gesprochen haben, schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Die Zuverlässigkeit sei nicht immer gegeben. Früher sei die Fähre unter staatlicher Regie gefahren und verlässlich gewesen. Dann kam die Privatisierung. Geldsparen, günstig bauen lassen und Hauptsache Rendite lautete die Devise, erzählte uns ein Kiwi. Leider litt darunter die Zuverlässigkeit. Fähren fallen wegen technischer Probleme aus und gelegentlich streikt die Belegschaft. Manchmal ist auch eine Schraube locker und das im wahrsten Sinne des Wortes. Während der Fahrt verlor eine Fähre vor Jahren eine Schiffsschraube und fiel für Wochen aus.
Und aktuell gab es auch bei einer Fähre technische Probleme und so standen wir vor der Wahl Ostersonntag oder acht Tage später nach Wellington zu fahren. Da entschieden wir uns für die erste Variante und machten


uns auf den Weg in den drei Stunden entfernten Fährhafen Picton, von wo wir über die berüchtigte Cook Strait nach Wellington übersetzen. Von den beiden Jason erfahren wir, dass sie eine zweite Fährfahrt als Backup gebucht haben. Beide Tickets sind voll erstattbar und nur einen Hauch teurer als ein normales Ticket.
Also stornieren sie die zweite Fahrt, wenn die erste stattgefunden hat, und bekommen 100% erstattet. Da lachen wir laut und meinen, kein Wunder, dass die Fähre solange ausgebucht ist, wenn alle immer mehrfach buchen und kurzfristig stornieren.
Unsere Zeit auf der Südinsel ist leider vorbei. Wir haben die Zeit sehr genossen und gerne hätten wir noch länger die Insel bereist. Doch der Herbst naht und auch auf der Nordinsel wollen wir den ein oder anderen Ort noch besuchen. Selbst in unserem "kleinen Traumland" Neuseeland gilt es Kompromisse zu machen.






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