#44 Bay of Plenty

Am Lake Taupo vorbei geht es zur Bay of Plenty an der Ostküste.

NEUSEELAND

26.04.2026

4/26/20266 min read

Die Bucht des Überflusses - Bay of Plenty

Bei kräftigem Regen und Wind fahren wir ins Landesinnere der Nordinsel und übernachten am Lake Taupo, einem großen Kratersee, dessen Größe der Hamburgs entspricht. Genau handelt es sich um einen Supervulkan. Die letzte Explosion war im Jahr 181 nach Christi war so gewaltig, dass die Asche den Himmel in Rom und China rot färbte und dieses meteorologische Phänomen schon damals an beiden Orten festgehalten wurde.

Der Besitzer unseres Campingplatz bietet neben Stellplätzen weitere Wohnformen an; sei es in Form von Booten oder VW-Bussen. Unsere genauere Untersuchung offenbart, dass die Bullis nicht echt sind! Eine Holz-Blechkonstruktion, bei der lediglich vier echte Reifen an den Holzunterbau fixiert wurden.

Neuseeländer sind kreative und erfinderische Menschen. Der eine dreht die berühmte Herr der Ringe Triologie, andere erfinden das Jetboat mit Wasserstrahlantrieb oder auch das Bungee-Jumping hat seinen Ursprung in Neuseeland. Und so überrascht uns nicht, dass es für jeden die Möglichkeit gibt, mit einem einzigen Golfschlag 5.000 Euro zu gewinnen - Barauszahlung! Man muss lediglich 5 Euro für fünf Golfbälle investieren und dann hat man fünf Versuche einen der Bälle in einem Schlag vom Ufer in ein Loch, das sich in 104 Meter Entfernung auf einem im See schwimmenden Ponton befindet, zu versenken. Die Leute stehen Schlange; Tausende versuchen jährlich ihr Glück und im Jahr 2024 erhielten vier Personen jeweils ihre 5.000 Euro. Und gleichzeitig fragt man sich, ob nicht all die neben der Plattform landenden Bälle inzwischen einen vulkanartigen Golfballunterwasserberg gebildet haben, der die Wasseroberfläche langsam durchdringen müsste. Keineswegs, denn jeden Abend sammeln Taucher die Bälle für den nächsten Tag wieder ein. So funktioniert Kreislaufwirtschaft in Neuseeland.

Vom Lake Taupo fließt das Wasser über den Waikato River zur tasmanischen See. Sieben Kilometer vom See entfernt rauschen die Wassermassen über zwei Wasserfälle hinab, zwischen denen eine lediglich 15 Meter breite und ca. 240 Meter lange Schlucht liegt. Wir spazieren über die Brücke und am Ufer entlang. Respekt einflößend zwängen sich 200.000 Liter pro Sekunde durch die enge Passage an uns vorbei. Die Wassermassen würden reichen, um alle zwölf Sekunden ein komplettes Olympia-Schwimmbecken zu füllen. Was für eine Machtdemonstration.

Bei unserer Weiterfahrt passieren wir einige Geothermiekraftwerke. Es wird Strom erzeugt und auch die Wärme wird genutzt. So sehen wir unter anderem mitten im Nirgendwo einen riesigen dampfenden Kühlturm, wie wir sie von Atomkraftwerken kennen. Atomstrom benötigt Neuseeland nicht. Mit Wasserkraft und Erdwärme wird der Strombedarf annähernd gänzlich gedeckt. Angesichts der Gefahr von Erdbeben und Vulkanausbrüchen wäre die Nukleartechnik auch nicht gerade empfehlenswert.

Schließlich erreichen wir Ohope an der Bay of Plenty (deutsch: Bucht des Überflusses), die sich vom Cape Runway im Osten über 300 Kilometer sichelförmig bis zur Coromandel Halbinsel erstreckt. James Cook taufte 1769 die Bucht so, da er hier umfangreiche Nahrungsmittelvorräte in mehreren Dörfern der Maori vorgefunden hatte.

Im Hochsommer verbringen viele Kiwis in der Bay of Plenty mit ihren schönen Stränden ihren Urlaub. Jetzt ist Nebensaison und von daher wirkt alles schon ein wenig verschlafen; doch auf die angenehme Art.

Wir checken am Campingplatz ein und kommen mit den beiden Angestellten am Empfang ins Gespräch. Als erstes fragen wir nach den Auswirkungen des Zyklons. Er wirbelte nicht so heftig wie erwartet, doch die heftigen Wellen haben kräftig an den Dünen genagt, was wir daran sehen können, dass die Strandzugänge zerstört sind und auch Abbruchkanten von bis zu eineinhalb Meter Höhe entstanden sind. Als die beiden hinterm Tresen erfahren, dass wir vor zehn Jahren zuletzt Neuseeland bereist haben, fragen sie uns, was sich unserer Meinung geändert hat. Wir erwähnen, dass die Maori-Sprache stärker sichtbar ist, dass noch mehrTouristen unterwegs sind und dass wir mehr verschiedene Bevölkerungsgruppen wahrnehmen. Welche Veränderungen sie beide den wahrnehmen, wollen wir nun wissen. Die Kunden sind fordernder geworden, erzählen sie. Das sieht man zum Beispiel an den Rezensionen. Wenn du drei Kaffeesorten anbietest, beschweren sich Leute, dass du nicht zehn auf der Speisekarte hast, schildert der Angestellte, der vor Jahren aus Südafrika zugewandert ist. Ich frage, ob es vor allem ausländische Touristen seien. Nein, die Kiwis selber,

antworten sie. Das sei auch bei uns so, erwähne ich. Wahrscheinlich würde man als Tourist aus einem anderen Land, der nicht Englisch als Muttersprache spricht und dem die Gepflogenheiten des Landes nicht sehr vertraut sind, vorsichtiger mit Kritik sein und Forderungen sein. Ähnliche Entwicklungen nehme ich in Deutschland wahr, ergänze ich. Hat es zugenommen, dass Menschen dazu neigen, vorallem sich und ihre Ansprüche zu sehen und einzufordern, bevor sie an ihre Mitmenschen und die Gesellschaft denken?

Von unserem Stellplatz können wir die fünfzig Kilometer entfernt liegende Vulkaninsel „Whakaari / White Island“ mit ihrer Wasserdampfwolke sehen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde hier Schwefel abgebaut. Bis 2019 besuchten Touristen in Tagesausflügen die Insel mit ihren Basstölpelkolonie und der vulkanischen Aktivitäten. Doch dann kam der 9. Dezember 2019 und ein Vulkanausbruch forderte 22 Opfer. Seitdem ist der Zutritt verboten.

Ab in den Urwald

Nachdem Frühstück bei Sonnenschein fahren wir in östliche Richtung zur Hukutaia Domain. Dahinter verbirgt sich ein lediglich 4,5 Hektar großer ursprünglicher Wald, in den viele neuseeländische Pflanzen und Bäumen vorzufinden sind und der sich selbst überlassen wird. Im Wald befindet sich ein 2.000 Jahre alter Puriri-Baum mit einem Umfang von einundzwanzig Metern. Vor langer Zeit wurde er von Maori zur Bestattung genutzt. 90 Prozent aller Baumarten in Neuseeland sind endemisch, d.h. sie kommen nirgends woanders auf der Welt vor. Folglich ist es wichtig dieses Erbe zu bewahren.

Zum Einkaufen und Kaffeeschlürfen machen wir uns in nahe gelegende Opiki auf, einem kleinen Städtchen wie es viele abseits der Touristenhighways und der angesagten Städte wie Auckland oder Wellington gibt. In der Gegend säumen weniger hippe Ferienhäuser die Landschaft und Orte. Die Wohnungen, Häuser und Einkaufsläden sind einfacher und im Gegensatz zu anderen Orten nehmen wir mehr Armut in den Straßen wahr. Kurz irritiert und dann fasziniert treten wir in ein Café ein, das im vorderen Bereich einer Apotheke implementiert ist. Über uns hängt ein üppiger Kronleuchter mit Spinnweben.

Wir bestellen unsere Cappuccini und tauschen uns mit der Apothekerin darüber aus, dass Kaffee ja auch als gesundheitlich förderlich gelte. Müssten die Gesundheitsämter in Hamburg nicht auch diese ganzheitliche Kombination aus Apotheke und Koffeinausschank aus gesundheitlichen Gründen fördern? Es muss ja nicht gleich Cappucino auf Rezept geben.

Nach zwei Nächten in Ohope ziehen wir weiter ins hundert Kilometer westlich gelegene Tauranga, der fünftgrößten Stadt Neuseelands, die über den umsatzstärksten Hafen des Landes verfügt. Wir schlendern erst am Strand entlang und dann durch den historischen Ortskern, das inzwischen Gastronomie, Galerien und kleine Einkaufsläden beherbergt. Abgesehen vom netten Strand finden wir Tauranga unspektakulär und nicht attraktiv.

Tagsdrauf geht es an der Bay of Plenty entlang weiter Richtung Nordwesten. In dieser Gegend reihen sich Kiwi- und Avocadoplantagen aneinander. Am Straßenrand verkaufen die Erzeuger Avocado für 0,50 Euro. So lecker und günstig - da greifen wir gleich zu.

Wir wollen Katikati, das 1875 gegründet wurde und in dem ca. 4.000 Menschen wohnen, erkunden.

Der Ort verfügte über eine Eisenbahnanbindung und lebte von der Viehwirtschaft. Doch 1978 wurde die Bahnverbindung eingestellt und Rationalisierungen in der Milchwirtschaft führten Anfang der 90er Jahre zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Region. Zur Bewältigung der Krise entstand die Idee auf Kiwianbau und Tourismus zu setzen. Der Zufall wollte es, dass eine Bürgerin Vancouver Island besuchte und dort den Ort Chemainus kennenlernte. Dieser hatte ähnliche wirtschaftliche Probleme gehabt und durch Wandmalereien, den sogenannten Murals, werden bis zu 300.000 Touristen jährlich angelockt. Es wurde im Jahr 1990 eine Projektgruppe in Katikati gegründet und so begann die Bemalung des Ortes, die heutzutage als „Moral Town“ im ganzen Land bekannt ist und Touristen - so wie uns - anzieht. Eine gelungene Initiative, die sich definitiv gelohnt hat, finden wir.

Nachtquartier beziehen wir in Bowentown, das wir schon 2016 besucht haben und das unsere letzte Station an der Bay of Plenty ist. Wir genießen, wie damals wieder den Blick von dem Hügel am Ende der Landzunge. Wieder einmal - ich vermute ihr Lesenden verdreht mal wieder die Augen - streunern wir meeressüchtig am Strand entlang.