#45 Surfer, Hundertwasser und die armen Ritter

An der Westküste bei Raglan findet man die besten Surfwellen in Neuseeland und danach wollen wir den Spuren von Friedensreich Hundertwasser folgen.

NEUSEELAND

01.052026

5/1/20268 min read

Auf nach Raglan - Capital of Surfing

Nun geht es in Richtung Westen zu den berühmtesten Surfstränden Neuseelands. Auf der Fahrt passieren wir einen Wasserfall und stoppen kurz.

Eine Stunde später der nächste Halt an einem Natur- und Skulpturenpark, der in einem ehemaligen Steinbruch angelegt ist. Viele einheimische Pflanzen und ein paar Kunstwerke sehen wir; künstlerisch nicht ganz so mitreißend wie im südschwedischen Wanås oder auf der Nordart. Dennoch genießen wir den einstündigen Rundweg. Am Besten gefällt uns eine Wand mit kreisrunden Durchgang. 2023 wütete ein Zyklon in der Gegend und viele Bäume wurden entwurzelt. Aus dessen Hölzern hat ein Künstler diese Mauer erstellt. Nachdenklich stimmen uns vierzehn graue Kisten, die senkrecht im Wald stehen. Die Künstlerin will damit auf die durchschnittlich vierzehn Morde an Frauen, die jährlich in häuslichen Beziehungen erfolgen, aufmerksam machen.

Als wir die Runde beendet haben, setzt Regen ein. Da haben wir nochmal Glück gehabt.

Wir setzen unsere Fahrt in Richtung Raglan fort, das die besten und größten Surfwellen in Neuseeland bietet. Wir beziehen eine schöne Campsite auf dem Berg. Neben ein paar Stellplätzen für Camper bietet die Unterkunft Übernachtungsmöglichkeiten in zwei alten Eisenbahnwagons und kleinen Hütten, die im Stil von Eisenbahnwagen gebaut sind. Die Anlage bietet Yoga und Sauna an. Im Garten verstreut eine Buddha-Statue entsprechendes Flair. Insgesamt wirkt es auf uns zunächst wie eine nette Atmosphäre zwischen Hippietum und Moderne. Allerdings irritiert uns das Miteinander im Gemeinschaftshaus. Einzelne kochen, andere sitzen vor ihren Laptops, kaum einer spricht miteinander. Immer wenn wir reinkommen, grüßen wir; keiner antwortet (außer am nächsten Morgen äußert einer sich, dessen Morgengruß eher einem Grunzen als einer Wortkombination ähnelt). Liegt es daran, dass wir doppelt so alt wie die anderen sind und auch kein Surfboard auf dem Wagen transportieren und daher nicht so cool sind?

Nach einem Frühstück bei Sonnenschein machen wir uns auf den Weg zum Surferstrand in der Whale Bay. Wahrlich - das sind ganz andere Wellen, als wir sie bisher in Neuseeland gesehen haben. Lang gezogen, teilweise beachtliche Höhe und lange Surfs ermöglichende Wogen tragen die Surfer mit sich. Fasziniert sitzen wir am Ufer und schauen den Wellenkünstlern zu

Auf dem Rückweg sehen wir, dass in der Nachbarbucht viele Autos stehen. Ein Event? Am Ufer der Manu Bay sitzen einige hundert Besucher auf der Wiese oder auf Stühlen. Wir parken unseren Campervan neben anderen Fahrzeugen auf einer Wiese und gesellen uns neugierig zum Publikum und erfahren, dass seit fünf Tage der Wettbewerb „Backdoor King and Queen of the Point“ stattfindet. Ein Wettkampf bei dem die beste Frau und der beste Mann eine Wildcard für die Teilnahme an dem World Surf League-Wettbewerb, der im Mai in Raglan durchgeführt wird, erhalten. In der „World Surf League“ surfen die besten Surfer der Welt an verschiedenen Orten der Welt und ermitteln ihren Sieger. Das Pendant zur „Word Surf League“ schimpft sich im internationalen Fussball Champions League. Immer vier Surfer treten gegeneinander an und die besten zwei kommen eine Runde weiter und surfen in der nächsten Runde wieder in einer Vierergruppe. Bewertet werden die Turns und Technik. Wenn einem Surfer eine coole 180 Grad Wende auf einer Welle gelingt, jubelt das Publikum. Eine Jury verteilt Noten wie beim Eiskunstlauf. Wir erleben das Finale und die Kurven in und auf den Wellen bewundern wir.

Als wir mit dem Wagen losfahren wollen, drehen die Reifen auf dem glatten Rasen durch. Die Räder fressen sich nicht in den Boden, aber wir kommen nicht weg. Ein Neuseeländer sagt, er hilft uns. Ihm und Ruth gelingt es nicht den Wagen zu schieben, während ich vorsichtig Gas gebe. Der Kiwi winkt noch zwei weitere Männer heran, so gelingt es Ruth und den drei Kerlen uns wieder auf festes Terrain zu schieben. Wir danken allen und ich meine zu dem Kiwi, jetzt weiß ich, warum er einen Pkw mit Allradantrieb fährt. Lachend verabschieden wir uns.

Wir fahren in den Ortkern von Raglan, der an einer tideabhängigen Meeresbucht liegt. In den letzten vier Wochen sind dort Orcas gesichtet worden, die nach Stachelrochen jagten. Doch als wir am Ufer entlang schlendern, sehen wir leider keine Flossen, die Kreise durchs Wasser ziehen. Stattdessen gibt es Cappuccino und später gönnen wir uns Fish and chips.

Go north - first stop Goat Island

Weiter zieht es uns nach Norden. Wir kämpfen uns durch den Autobahnstadtverkehr von Auckland und biegen nördlich der Metropole an die Ostküste ab. Schnell wird es wieder einsamer und ländlicher.

Die Buchten des Hauraki-Golfes säumen unseren Weg bis Leigh. Dort besuchen wir den Strand bei der Goat Island, an dessen Gewässern sich viele Fische tummeln sollen. Der Nordwind treibt Wellen in die Bucht, das Wasser ist aufgewühlt und die Sicht somit mäßig. Wir verzichten darauf in dem sehr frischen Wasser zu schnorcheln und genießen die schöne Umgebung.

Hundertwasser und die armen Ritter

Über kleine Küstenstraßen erreichen wir Whangarei, die mit 56.000 Einwohnern größte Stadt nördlich von Auckland. Wir schauen bei dem Whangarei Wasserfall vorbei und besuchen anschließend, das am Ufer des Hafens gelegene Hundertwasser Art Center. Der weltberühmte österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser lebte von 1973 bis zu seinem Tod im Jahre 2000 in der Nähe von Whangarei.

Das 2022 fertiggestellte Art Center ist das letzte von mehr als vierzig fertiggestellten Gebäuden, die Hundertwasser entworfen hat und beherbergt die größte Sammlung von seinen Kunstwerken außerhalb Wiens. Neben Kunstwerken erfahren wir vieles über sein Leben. Ihm war Naturverbundenheit und Ökologie sehr wichtig. So verfügte er, dass er ohne Sarg, nackt in einer von ihm entworfenen Flagge eingehüllt auf

seinem neuseeländischen Grundstück begraben werden will, um der Natur als Humus zur Verfügung zu stehen.

Im Februar 2000 wollte er von Neuseeland nach Europa reisen. Fliegen schloss er aus ökologischen Gründen aus. Somit blieb nur der Weg mit dem Schiff übrig. Die Queen Elizabeth 2 kam in Frage. Als er den hohen Preis der Überfahrt hörte, lehnte er dieses zunächst ab. Ein Freund überzeugte ihn mit dem Argument, dass er die Überfahrt durch Bilder, die er während dieser Seereise erstelle, finanzieren könne. Vor der Küste Australiens starb er an Bord der Queen Elizabeth 2 im Alter von 71 Jahren an einem Herzinfarkt. Sein letztes halbfertig gestelltes Bild betrachten wir im Art Center. Irgendwie passend, dass dieser außergewöhnliche Künstler an so einem außergewöhnlichen Ort verstirbt, denken wir.

Poor Knights Island

Weiter kurven wir gemütlich an der Küste entlang. In Tutukaka gehen wir für einen Tag an Bord eines Schiffes und fahren zu den 24 Kilometer vor der Küste liegenden Arme-Ritter-Inseln, den Poor Knights Islands. Es gibt verschiedenen Erklärungen, weshalb James Cook sie so getauft hat, aber keiner weiß es wirklich genau. Die Inselgruppe wurde 1981 unter Naturschutz gestellt und man darf sie nicht betreten. Eine fünfstellige Geldsumme oder bis zu halbjährige Haftstrafe drohen bei Verstoß.

Für den Meeresforscher Jacques Cocteau zählten die Poor Knights Island zu den Top 10 der Tauchspots weltweit. Kein Wunder angesichts des klaren Wasser und des Fischreichtums. Der von Australien kommende warme East Auckland Meeresstrom umströmt die Poor Knights Island und bringt sehr nährstoffreiches Wasser hier her, das auf aufsteigendes Tiefenwasser des Pazifik trifft. Viele Fische tummeln sich in den hiesigen Gewässern. Gemeinsam mit einer Schulklasse und einer Handvoll weiterer Gäste geht es Wellental hoch und runter zu den Inseln. Wir ankern in einer Bucht, ziehen Neoprenanzüge an und schnappen uns unser Schnorchelequipment. Von der Heckplattform gleiten wir ins Wasser, das trotz der Neoprenanzüge sehr frisch ist. Viele Fischschwärme umschwärmen uns. Auch größere Fische sehen wir. All zu lange bleiben wir nicht im Wasser, wir frösteln. Nach einer Pause schnappen wir uns ein Kajak und paddeln in der Bucht herum. Als alle wieder an Bord sind, fährt unser Kapitän in eine der größten befahrbaren Meereshöhlen der Welt hinein und dreht das nicht kleine Boot, das immerhin bis zu 75 Passagiere plus Crew Platz bietet, in der Halle. Er schaltet den Motor aus und ein Crewmitglied bläst in das Gehäuse einer Meeresschnecke. Es hallt ein wenig mystisch in der Höhle. Abschließend fährt der junge Kapitän noch durch den größten Arch der südliche Hemisphäre. Auch wenn das Wasser trotz Neo kühl war und wir gerne länger geschnorchelt wären, finden wir den Tag rundum gelungen und sind froh, dass wir uns den Ausflug gegönnt haben.

Als wir am nächsten Tag in Kawakawa ankommen, stehen wir überraschend im Stau. Ein Zug fährt in der Hauptstraße und alle Autos haben zu warten. Es handelt sich um eine Museumsbahn, deren Gleise ein kurzes Stück auf der Hauptstraße des Ortes verlaufen. Auf dem Weg nach Whananaki besuchen wir DIE öffentliche Toilette in Kawakawa. Friedensreich Hundertwasser hat sie entworfen und gestaltet. 1999 wurde sie eröffnet und steht allen zur Verfügung.

Schließlich erreichen wir den kleinen Ort Whananaki. Hier befindet sich die längste Fussgängerbrücke der südlichen Erdhalbkugel. Sie ist schmal, alt und gänzlich aus Holz gebaut.

Bay of Islands

Auf unserer Reise nach Norden halten wir in Stop in Pahia, einem der zentralen Orte an der wunderschönen, aber touristische auch sehr beliebten Bay of Island. Gegenüber von Pahia liegt Russel, das die erste Hauptstadt Neuseelands war und auch als berüchtigtes Seeräuberdomizil berüchtigt war. Da dieses Wochenende aufgrund des ANZAC-Feiertages, an dem an alle in den Weltkriegen, in Vietnam, Afghanistan und auch bei UN-Missionen gestorbenen Soldaten gedacht wird, länger ist und daher mehr Kiwis unterwegs sind, zieht es uns weiter in einsamere, nicht überlaufende Orte.

Vorher essen wir auf einer Bank am Hafen von Pahia mit Blick auf die Bucht jeder einen Pie - diese kleinen runden unterschiedlich gefühlten, herzhaften Blätterteigküchlein - ein neuseeländischer Klassiker. Mit dem letzten Bissen setzt der Regen ein und wir fahren siebzig Kilometer zu unserem nächsten Nachtdomizil in der Tauranga Bay.