#46 Northland, wo unsere Seelen entspannt baumeln

Über die Bay of Island ziehen wir weiter nordwärts zur Tauranga Bay. Entspannde Tage, die uns zum Sinnierenden animieren, liegen vor uns...

NEUSEELAND

08.05.26

5/8/202613 min read

Tauranga Bay

Es gibt abgelegene, unspektakuläre Orte, die eine einfache Magie ausstrahlen, die einem im Inneren berührt. Tauranga Bay hatten wir vor zehn Jahren besucht. Eine langgezogene Wiese an einem Strand, auf der man campen darf. Wieder können wir in der ersten Reihe - und das bei Sonnenschein - stehen und lassen den gesamten Nachmittag den Blick über die Bucht mit ihren Inseln schweifen. Die Sonne zieht ihre Bahn nach Westen, ein paar Menschen angeln, einzelne schwimmen. Ausreichend Platz für alle ist vorhanden, kein dichtes Gedränge. Eine Augenweide für die Seele. Die Smartphones liegen im Camper und werden nur für Fotos rausgeholt. Ein Ort, an dem wir im Hier und Jetzt sind, nicht in Gedanken schon weiter oder bei anderen organisatorischen Dingen, sondern genau hier. Während wir nebeneinander sitzend übers Meer in die Ferne blicken, kommen wir ins Philosophieren über die Dinge, die uns im Leben wichtig sind und was wir von dieser Reise an Erfahrungen, Gedanken und Wahrnehmungen mitnehmen. Wir lieben den Weitblick, im doppelten

Sinne des Wortes. Wenn man nicht in die Ferne schauen kann, beschränkt das die eigene Perspektive und im übertragenen Sinne läuft man Gefahr engstirnig zu werden. Uns wird klar, wie eng und dichtgedrängt wir in Deutschland und Mitteleuropa leben. Enge erzeugt oft Stress. In Neuseeland teilen sich 5 Millionen Menschen eine Fläche, die lediglich zwanzig Prozent kleiner als Deutschland ist, wo über 84 Millionen Menschen leben. Es gibt zuhause kaum Orte, an denen so viel Platz für jeden zur Verfügung steht, wie hier bei den Kiwis. Nordskandinavien ist dünn besiedelt, allerdings ist der Sommer im Gegensatz zu hier sehr kurz. Allein unter diesem Aspekt ist Neuseeland schon ein gesegnetes Land.

Wir sind die einzigen Nicht-Kiwis auf dem Campingplatz, der abseits der Hauptreisepfade liegt. Es herrscht Entspanntheit, man grüßt sich und schnackt kurz miteinander. Eine sehr freundliches Miteinander. Diesen Müßiggang wollen wir uns länger gönnen und bleiben daher eine Nacht länger vor Ort.

Das Meer hat ca. 18 Grad. Warmbadetag sieht anders aus, dennoch springen wir in die frischen Fluten und die Begeisterung kann man bei Ruth sehen.

Tiefenentspannt verlassen wir diesen hübschen Flecken Erde. Auf der Fahrt zur Westküste nehmen, wir die Abzweigung auf die Karikari Halbinsel und erreichen nach zwanzig Kilometer die Maitai Bay. Eine geschützte Bucht mit türkisblauem Wasser, in die dennoch kräftige Wellen ihren Weg zum Strand finden. Eine Augenweide für uns. Oder wäre Augenwasserfläche bei diesem Anblick nicht die passendere Begrifflichkeit?

Endless Summer Lodge - der Name ist Konzept

Schließlich erreichen wir Ahipara und halten vor der Endless Summer Lodge. Noch ein Ort, dessen besondere Athmosphäre wir vor zehn Jahren schätzen lernten. Wie in der Hopewell Lodge wechseln wir den Camper gegen ein Zimmer. Das Haus liegt gegenüber dem Strand. 1870 wurde es aus einem einzigen der riesigen Kauri-Bäume gebaut. Anna nimmt uns herzlich in Empfang. Der Norden Neuseeland hat ein Klima, in dem auch Bananen wachsen. Anna zeigt uns ihre Pflanze und am Vortag wurde eine große Staude geerntet. Alle dürfen sich an den Bananen bedienen.

Wir beziehen kurz unser Zimmer und hängen anschließend in den Hängematten mit Blick aufs Meer unseren Gedanken und Empfindungen wieder mal nach.

Nach einer Stunde schälen wir uns aus den Hängematten heraus und spazieren am Strand entlang. Auf dem Hinweg passieren wir zwei Angler und fragen nach ihrem Erfolg. Sie schütteln den Kopf. Als wir zwanzig Minuten später auf dem Rückweg vorbeigehen, winkt einer uns heran und wir bestaunen seinen Fang, einen stattlichen Red Snapper. Wir kommen mit seiner Frau, die ursprünglich aus der Schweiz stammt ins Gespräch. Sie wohnen in Auckland. Nun sei ihr Schwiegervater Rentner und sie bauen ein Haus hier im Norden.

Am Strand angeln viele Einheimische. Hier fährt man mit dem Auto auf den Strand und packt sein Equipment aus. Auf der Heckklappe von einzelnen Pickups steht eine Box und Reggae-Musik beschallt die Angler während die Köder ausgeworfen im Meer treiben (s. Video). Da der Strand ausreichend Platz bietet und kaum Andrang herrscht, stört es auch keinen Nachbarn.

Während wir abschließend nochmal am Strand Platz nehmen, fährt ein Pickup mit einem besonderen grünen Anhänger auf den Parkstreifen hinter uns. Es handelt sich um eine fahrbare Sauna mit großer Fensterscheibe, von der die Gäste aufs Meer schauen können und statt Tauchbecken oder Kaltwasserdusche gibt es das Meer zum Abkühlen.

In der wunderschönen Küche der Lodge kochen wir und einige Gäste. Andrew und Nina aus Auckland wuseln neben uns in der Küche. Während Nina surfen war, hat Andrew reichlich Red Snapper und zwei Kahawai gefangen. Er räuchert den Kahawai auf dem Grill auf der angrenzenden Terrasse mit Manukaholz und alle dürfen sich bedienen. Schmeckt ausgewogen und sehr lecker. Ein Hauch von Lachs, doch irgendwie feiner und nicht so fettig. Wir haben ein Blech mit Backofenkartoffeln gemacht und teilen diese.

Drei deutsche Work-and-traveller kochen am nächsten Tag neben uns in der Küche. Hannah aus Rheine, Olivia aus Nordhorn, Daniel aus Berlin. Sie sind von dieser Unterkunft begeistert. Anna und Blaine sind tolle Arbeitgeber. Jeder hat seinen Zuständigkeitsbereich. Zwei bis drei Stunden pro Tag putzen sie das Haus, sorgen mit ihren Chefs für Ordnung und dann gehen sie surfen. Und die Surfbretter stellen ihnen Anna und Blaine kostenfrei zur Verfügung. Wir sitzen zusammen mit unserem jeweiligen Abendessen am Küchentisch und tauschen uns über die Top 3 in Neuseeland aus. Daniel und Olivia fanden den Milford Sound und den Abel Tasman Park beeindruckend und Olivia schwärmt vom Schwimmen mit Delfinen bei Kaikoura. Queenstown gefiel allen drei. Eine Stadt, in der viele junge Leute tagsüber Outdoor-Aktivitäten nachgehen und nachts feiern. Hannah schwärmte von der Coromandel Halbinsel und Waiheke Island, einer Insel bei Auckland, auf der sie lange gearbeitet hat. Olivia arbeitete in einer Firma die eine Wäscherei betrieb und Reinigungsdienste anbot. Begeistert war sie nicht von ihrer Arbeitgeberin, dennoch gab es ein Highlight. Ihre Firma war für die Reinigung einer exquisiten Ferienunterkunft, die weit entfernt in den Bergen liegt und nur über holprige Feldwege in drei Stunden zu erreichen ist, zuständig. Drei Stunden hin, dann reinigen und drei Stunden zurück erfordert einen sehr hohen zeitlichen Aufwand. Folglich wird das Reinigungspersonal mit dem Hubschrauber eingeflogen und anschließend wieder heimwärts gebracht. Eine ganz andere Welt als die unsrige. Ein netter Austausch mit den jungen Leuten.

Dann heißt es Abschied nehmen. Doch scheint der Ort uns noch ein wenig länger festhalten zu wollen, da der Schulzahnarzt mit dem Truck anreist und lange rangieren darf, bis der Auflieger auf dem Schulhof parkt. Bei uns wären die Schülerinnen und Schüler sicher begeistert, wenn der Schulzahnarzt mit so einem coolen Gefährt vorfahren würde.

Bei Rawene nehmen wir die Fähre und überqueren eine große weitverzweigte Meeresbucht, die fast vierzig Kilometer ins Landesinnere ragt. Anschließend durchqueren wir auf unserer Fahrt an der Westküste Richtung Süden den fünfundzwanzig Quadratkilometer großen Waipoua Forest. Drei Viertel alle neuseeländischen Kauribäume, die zur Familie der Araukariengewächse gehören, befinden sich in diesem Waldgebiet. Wir wollen Tāne Mahuta, dem größten Kauri Neuseelands einen Besuch abstatten. Da die von einem Pilz verursachte Wurzelfäule die Kauribäume bedroht, gehen wir durch eine Art Sicherheitsschleuse, in der unser Schuhwerk desinfiziert wird. Auf einem Holzbohlenweg gelangen wir zu Tāne Mahuta. Majestätisch aufrecht erhebt er sich vor uns. Geschätzte 2.000 Jahre alt, stattliche 51 Meter Höhe, davon die ersten 18 Meter gänzlich ohne Äste sowie einen Durchmesser von 4,4 Meter. Beachtlich ist, dass sein Stamm über ein Volumen von 244,5 Kubikmeter verfügt. Zum Vergleich: ein 40 Fuß-Container kommt auf 77 Kubikmeter. Der für die Maori heilige Baum wurde nach dem Waldgott Tāne benannt. Über 120 verschiedene Arten von Epiphyten (Aufsitzpflanzen) bewohnen ihn. Auch beim Verlassen des Waldes desinfizieren wir unsere Schuhe nach bekannter Prozedur, damit wir den gefährlichen Wurzelfäulepilz, sollte er inzwischen hier sein, nicht zu anderen Kauri weitertragen.

Wir übernachten auf einem einfachen kleinen Campingplatz in der abgelegenen Siedlung Glinks Gully, die auf einer Landzunge liegt. Große Dünen begleiten den Strand 70 Kilometer nach Norden und 40 Kilometer in Richtung Süden. Teils sehen wir beachtliche Sandabbrüche. Regen hat ihr einiges an Sand weggespült. Hierüber kommen wir mit einem anderen Camper ins Gespräch. Neuseeland sei ein geologisch junges Land und der Boden sei nicht fest, erklärt er. Wir können das bestätigen. In den acht Wochen haben wir oft abgerutschte Hänge und Wiesen gesehen. Auf den Straßen lagen dicke Erdklumpen und oft waren Straßenränder oder Fahrbahnen abgesackt oder auch weggebrochen. Überrascht waren wir ein paar Mal, als wir erst dachten, der Untergrund sei Stein und dann feststellten, dass es sich eher um ein graues Steinimitat handelt. Dieses bestand aus einem Erde-Sandgemisch und war teils von ganz dünnen Flechten oder Algen bedeckt. Mit der Hand konnten wir Placken abbrechen und zwischen den Fingern zerreiben.

Unser Gesprächspartner genießt mit seiner Frau den Ruhestand. Vorher war er Farmer. Er macht uns auf das Gras aufmerksam. Widerstandsfähiges Gras aus Südafrika sei es und er zeigt auf Pinien. Pro Jahr bildet sich eine Reihe von Zweigen. Daran wie kräftig und wettausladend diese sind, kann man sehen, welches Jahr ein gutes und welches ein schlechtes Jahr für die Vegetation war. Weiter schildert er, dass er der einzige von seinen Geschwistern sei, der noch in Neuseeland lebt. Zwei Kinder von ihm und seiner Frau leben noch auf der Südinsel Neuseelands, eins auf der Nordinsel und zwei in Australien. Als Rugbyfan der Allblacks (der Name der neuseeländischen Nationalmannschaft)  reist er gerne zu Auswärtsspielen. Südafrika, Frankreich und Australien habe er schon besucht. Und wenn man schon in Südafrika sei, dann schaue man sich nebenbei auch die Victoriafalls an, ergänzt er.

Auch wenn Neuseeland für uns ein Traumland ist, sehen das insbesondere viele junge Menschen nicht so. Viele haben studiert, sind hochqualifiziert und finden keine adäquate passende Anstellung. Neuseeland setzt jahrzehntelang sehr auf landwirtschaftliche Produkte wie Wolle, Fleisch und Früchte und exportiert diese. Hinzu kommt der Tourismus, doch andere Wirtschaftszweige wie industrielle Fertigung sind kaum anzutreffen. Des weiteren sind die Einkommen niedriger als in anderen Ländern wie z.B. Australien. Dieses Situation bewirkt das junge hochqualifizierte Menschen entweder Jobs unterhalb bzw. jenseits ihrer Qualifikation zum Beispiel in der Gastronomie annehmen oder ihr Glück im Ausland suchen. Nach Irland hat Neuseeland die höchste prozentuale Quote von Bürgern, die außerhalb des eigenen Landes arbeiten.

Unsere letzte Nacht im Campervan liegt hinter uns und 220 Kilometer zur Campervermietung in Auckland noch vor uns. Während der Fahrt setzen wir unser Resümieren fort.

Dass die Bäume und Sträucher mit Ausnahme des alpinen Bereichs und bei eingeführten Pflanzen wie Eiche, Ahorn oder Pappel ganzjährig grün sind, würde uns im norddeutschen Winterhalbjahr auch gefallen. Auch würde uns die Einführung der sehr angenehmen neuseeländischen Feiertagsregelung zusagen: Wenn ein Feiertag auf ein Wochenende fällt, ist der folgende Montag kein Arbeitstag.

Die Maori-Kultur haben wir nur oberflächig im Vorbeigehen wahrgenommen. An vielen „Te Marae“, die das Zentrum des kulturellen Lebens bilden, sind wir vorbeigekommen. Auf einem abgeteilten Gelände steht jeweils ein Gemeinschaftshaus, in dem Hochzeiten gefeiert werden, normale und rituelle Treffen stattfinden. Lange Zeit wurde forciert, dass die Maoris sich der westlichen Kultur Neuseelands anpassen. Ihre Sprache wurde nicht gesprochen und auch die Mokos, die individuellen Tatoos der Maori, kamen kaum vor und deren Geschichte geriet in Vergessenheit. Erst Mitte der 1970er Jahre entstand die Bewegung

"Māori Land Rights Movement", die sich für Gerechtigkeit und die eigenen Rechte einsetzte. Inzwischen sind die Maori stolz auf ihre Kultur. So tragen immer mehr Personen Mokos. Männer haben großflächige Tatoos und teils auch im Gesicht, während bei Frauen traditionell das Kinn mit einem Moko versehen ist. Für uns war das, als wir es erstmalig sahen, etwas überraschend, doch als wir uns mit dem Thema näher beschäftigten, verstanden wir den Hintergrund.

Mit Maori hatten wir wie mit den Pākehā (so die Maori-Bezeichnung für die europäisch stämmigen Bürger Neuseelands) im Alltag immer wieder Kontakt sei es in Cafes, Supermärkten, Campingplätzen, Kunstgalerien oder Tankstellen. Dennoch ist es schwer für externe Personen, wie wir als Touristen es sind, tiefere Einblicke in das alltägliche Maorileben /-kultur zu bekommen.

Sehr gefällt uns, dass in dieser Gesellschaft der Status nicht wichtig ist. Nina, die wir in der Hopewell Lodge kennenlernten, beschrieb diese so: Der Manager weiß, dass er auf den Handwerker angewiesen ist und auch dieser ist sich bewusst, dass Bauern, Einzelhandel und Krankenpflege wichtig für sein Wohlsein sind. Sehr angenehm. Der Mensch steht im Mittelpunkt und nicht sein beruflicher Status, was in unserer Gesellschaft ja sehr betont wird. Im jährlich herausgegebenen Welt-Glücks-Bericht befinden sich neben Neuseeland noch fünf skandinavische Länder unter den Top 10. Auch in diesen Gesellschaft wird der berufliche Status nicht für relevant gehalten. Nicht was man ist, ist doch wirklich wichtig im Leben, sondern wer man ist.  Über diesen Aspekt und dessen Auswirkungen würde es sich doch lohnen, auch bei uns mal nachzudenken. Wir können also noch von unseren nördlichen Nachbarn und den Kiwis viel lernen.

Wieder liegt eine tolle Zeit in Neuseeland hinter uns. An einigen Orten wären wir gerne länger geblieben oder auch einige hätten wir noch aufgesucht. Doch Zeit ist ein hohes und beschränktes Gut. Die verschiedenen Landschaften faszinierten uns aufs Neue. Und die Weite, insbesondere der weite Blick übers Meer, der bekanntlich keine Grenze kennt - lediglich den Horizont, hinter dem es bekanntlich weitergeht - haben wir annähernd täglich genossen. Balsam für unsere Seele.

Nun heißt es die Rucksäcke packen, den Wagen leeren und nachmittags in Auckland zurückgeben, bevor wir am nächsten Vormittag für zehn Tage nach Bali aufbrechen.

Aoterea, du Land der weißen Wolke,  wieder einmal hast du mit deinen Menschen und deiner Natur unsere Herzen gewonnen und wieder einmal werden wir dich vermissen!

Haere rā - Auf Wiedersehen!