
#52 Drei Monate in europäisch heimischen Gefilden
Zuhause - vertraut, entspannt und keinesfalls fernab vom Fernweh
SCHWEDEN
13.08.26
8/13/20268 min read
Zuhause - entspanntes Ankommen und dennoch keinesfalls fernab vom Fernweh
Unsere einjährige Offtime neigt sich stark dem Ende entgegen. Seit Mitte Mai wuseln wir in Hamburg und Schweden rum. Noch haben wir keinen klassischen (Arbeits-)alltag, sondern Zeit uns treiben zu lassen. Gleichwohl - wie erwartet - Aufgaben auf uns gewartet haben: Optiker-, Zahnarztbesuch, Personalausweis beantragen, Balkon gestalten und unseren Bulli wieder in Gang bekommen. Letzteres hat länger gedauert als gedacht. Mit Hilfe des ADAC wurde er rustikal zur Werkstatt befördert. Unglücklicherweise hat unser „Schrauber“ sich die Rippe geprellt und konnte zehn Tage nicht seine Werkstatt betreten. Sehr schön, dass wir viele unsere Freunde sehen konnten. Endlich sich real in 3D zu sehen, zu umarmen, Zeit miteinander zu verbringen, ist dann doch etwas ganz anderes als bloß digital in Kontakt zu sein.


Anfang Juni brechen wir dann in unsere zweite Heimat in Schweden auf. An unserer Hütte stehen diverse Aufgaben an. Ruth kümmert sich um Hochbeet und Gemüsegarten. Da wir mehr Zeit als bei einem normalen Urlaub haben, nutzen wir diese, um die tragenden Pfosten Veranda auszutauschen. Folglich heißt es Holz kaufen, diese in mehreren Gängen grundieren und streichen. Parallel stützen wir das Verandadach ab und entfernen in einer Mischung aus Vorsicht und Brachialität die alten Pfosten. Die Dachrinne auf der Nordseite ähnelt nach einem halben Jahrhundert eher einem zehn Meter langen Sieb, so dass wir auch diese austauschen. Irgendwann schaue ich Ruth an und frage sie mit einem Augenzwinkern, wann wir eigentlich Urlaub machen.


















Doch keine Sorge Urlaub machen wir. Wir chillen in der Hängematte, lesen viel, sammeln Blaubeeren und die ersten Pfifferlinge. Mit Fahrrad und Kajak drehen wir unsere Runden und nutzen diese auch, um Einkäufe im kleinen Supermarkt zu erledigen. Entweder acht Kilometer mit dem Fahrrad oder vier mit dem Kajak. Als die Temperaturen die 35 Grad überschreiten, sind wir dankbar, dass unser Schwimmsteg in 150 Meter Entfernung liegt und wir im Gegensatz zu Hamburger Freibädern die einzigen sind, die in der Bucht schwimmen .








Nach vier Wochen unterbrechen wir unsere Zeit in Schweden für gut eine Woche, da wir das Elbjazzfestival bei wunderschönem Wetter besuchen. Als am Samstagabend Tom Jones mit seiner für einen 86-jährigen beachtlichen Stimme seine Songs „Pussycat“ und „Sexbomb“ anstimmt, ergreifen wir die Flucht und düsen zum Hafenbahnhof, wo mein befreundeter Kollege Philip seinen runden Geburtstag feiert.
Wir nutzen die Chance während dieser guten Woche und besuchen weitere Freunde. Weitere Freude kommt bei mir auf, als der Kajakhändler meines Vertrauens mir mitteilt, dass endlich mein Grönlandpaddel aus Taiwan geliefert wurde.


Schöne Sommertage in der dänischen Südsee
Uns zieht es wieder nach Schweden. Allerdings gönnen wir uns Zwischenstopps in Dänemark. Seit Jahrzehnten kaufen wir unseren Käse auf dem Wochenmarkt beim Stand von Manfred. Genau genommen klönen wir mit Manfred über Gott und die Welt und erwerben nebenbei Käse. Die Themenspanne reicht von Musik, Freizeitgestaltung, Politik und dem Fachaustausch zwischen VW-Busfahrern. Als ich ihm im letzten August mitteilte, dass wir für knapp neun Monate verschwinden, meinte er, dass er davon ausgeht, dass er bei unserer Wiederkehr nicht mehr den Käsestand betreibe. Er wolle in Ruhestand gehen und hofft, dass seine Töchter den Verkaufsstand übernehmen. Sein Plan sei etwas Neues anzufangen. Er wolle Lütjensee verlassen und nach Dänemark ziehen. Wir machten ab, dass wenn wir ihn dann dort besuchen. Nun ist Manfred umgezogen, seine Töchter haben den Betrieb übernommen und er kommt in der Regel samstags aus Dänemark, um auszuhelfen.


Also besuchen wir auf unserem Weg nach Norden Manfred in Kollund. Er berichtet, welche bürokratischen Wege vor einem liegen, wenn man in Dänemark ein Haus erwirbt, seinen Wohnsitz haben will und auch ein Auto anmelden will. Nach einem kurzweiligen Nachmittag brechen wir auf, denn um 20 Uhr haben wir ein Plätzchen auf der Fähre von Svendborg nach Ærö gebucht.
Auf der Fähre kommen wir mit einer junger Dänin ins Gespräch. Als sie erfährt, dass wir aus Hamburg kommen, meint sie, dass sie regelmäßig für einen Tag in Hamburg sei. Sie ist Opersängerin aus Kopenhagen und in Hamburg unterrichte ihre Gesangslehrerin. Was für ein beachtlicher Aufwand stellen wir fest. Auf Ærö stoße sie auf ihren Mann und ihre Kinder, die bereits auf der Segeljacht ihres Schwiegervaters Urlaub machen.
Und wieder fragen wir uns, liegt es am Reisemodus, dass wir mit einer unbekannten Person so nett in den Austausch kommen? In heimischen Gefilden unterlaufen uns derartige Begegnungen eigentlich nicht.
Ærø - Kleine Perle in der Südsee
Unsere Freunde Kerstin und Matthias haben ein Ferienhaus auf der Insel. Leider ist Matthias gerade in der Schweiz, aber wir wurden sehr herzlich von Kerstin eingeladen und freuen uns auf schöne zwei Tag auf Ærø. Vielen Dank dafür!
Auf der Wiese neben Kerstins und Matthias Domizil parken wir unseren Bulli. Endlich nächtigen wir in unserem eigenen Van - wie schön und vertraut.
Am Donnerstag fahren Ruth und ich zum Strand von Skovby, von wo wir bei glatter See mit den Kajaks nach Ærøskøbing aufbrechen. Als wir dort ankommen, gönnen wir uns zur Belohnung leckere Fischbrötchen. Die benötigen wir auch, da wir auf dem Rückweg erst Wind und Wellen von vorne und später achterlich haben.














Nach zwei Tagen verlassen wir diese entspannte Ostseeinsel und fahren weiter zu unserem schwedischen Zuhause.
Der Weg ist das Ziel. Sonst fahren wir schnell aufgrund der knappen Zeit direkt von zuhause zu unserem Urlaubsziel. Dieses Mal haben wir uns mit einer Portion Spontanität treiben lassen. Wir ahnen, dass wir so die Sommerzeit im (Un-)Ruhestand gestalten können. Wieder zeigt sich, dass selbstbestimmte Zeit der wahre Luxus ist.
Auf Bolmsö und im Umland besuchen wir ein paar „Loppis“. Hierbei handelt es sich um eine Mischung aus Secondhand-Laden und Flohmarkt. Meist sind diese in Scheunen oder Schuppen auf dem Land untergebracht. In einer weiteren Scheune entdecken wir eine Kunstausstellung, in der an zwei Wochenenden Bilder und Holzskulpturen betrachtet werden können.










Bei einem Sonntagsausflug erkunden wir die südlichen Orte und Landschaften des Sees und entdecken auch nach vielen Jahren wieder Neues.
Zufällig kommen wir bei einem Oldtimertreffen auf einer großen Wiese vorbei. Schweden lieben alte amerikanische Schlitten. Auch alte Saabs und Volvos werden neben einzelnen älteren VW-Bussen von ihren Besitzern gezeigt. Selbst ein Opel Manta gesellt sich zu der illustren Runde. Die Besitzer fachsimpeln untereinander und mit den Besuchern. Als wir eine 2CV-Ente neben einem Rolls Royce sehen, fragen wir uns, ob das die Form des schwedischen Klassenkampfs ist.
Wir lassen uns gemütlich um die Insel treiben und entdecken auch nach vielen Jahren wieder Neues.














Wir genießen die letzten freien Wochen und weiterhin schauen wir dankbar auf das vergangene Jahr zurück. Immer wieder tauchen in der schwedischen Ruhe Bilder und Erlebnisse der vergangenen Monate auf. Wie gut, dass wir nicht nahtlos von der Weltreise in die Arbeitswelt springen, sondern einen dreimonatigen sanften Übergang haben. Nach der Reise durch ferne und manchmal auch aufregende Länder nun in dem wohlgekannten Europa mit Muße und Zeit anzukommen, ist ein guter Start in den kommenden Alltag. So kann die Seele hinterherkommen.
Auch träumen wir von weiteren Reisen und entwickeln ganz nebenbei neue Reiseideen. Die Welt ist so spannend, schön und vielfältig. Da reizt es doch, sie weiter zu entdecken.


Der Arbeitsalltag liegt leider nicht mehr in weiter Ferne irgendwo hinterm Horizont. Nein er rückt zügig immer näher und ist schon in Sichtweite. Zu der Dankbarkeit gesellt sich in den letzten Tagen ein Abschiedsschmerz von diesem wunderbaren Jahr. Leicht fällt es uns nicht, uns langsam an den Gedanken zu gewöhnen wieder vier bzw. fünf Tage in der Woche fest in Terminen und engen Strukturen eingebunden zu sein. Es löst keine Glücksgefühle aus und wir sind gespannt wie uns dieses Mal der Einstieg gelingt. Auch in diesem Sabbatjahr wurde uns wieder die Bedeutung von frei- und selbstbestimmter Zeit bewusst und wir fragen uns, was können wir von dieser Erfahrung in unseren Alltag hinüber retten. Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage qualmen unsere Köpfe reichlich, doch ein ergiebiges Ergebnis kam noch nicht zum Vorschein. Nichtsdestotrotz zaubert der Rückblick auf das vergangene Jahr ein breites Lächeln in unser Gesicht.
Und zum Schluss ein großes Dankeschön an euch alle, dafür dass ihr uns auf der Reise - auf welcher Art und Weise auch immer - begleitet habt!




















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